Nachwehen einer Exkursion „Berlin, was willst du von mir?“

Mittwoch, 01. Februar 2012, 07:30 Uhr. Ich schlage die Augen auf. Der Wind bahnt sich den Weg durch mein gekipptes Fenster, hält sich an meinem roten Rollo fest und bringt die Lamellen zum Klimpern. Ich stehe langsam auf, gehe in die Küche und koche mir eine Tasse Tee. Mein Blick wandert aus dem Küchenfenster über die Dächer des Essener Südviertels und verweilt an einem Punkt in der Ferne. Die Sonne scheint und übertüncht die seit einigen Tagen vorherrschende Kälte. Meine Gedanken schweifen ab und münden in der nahen Vergangenheit. Mein Kopf füllt sich mit Bildern aus Berlin, mit Bildern einer Stadt als Archiv, Bildern einer Exkursion...

 

Berlin – die Stadt war mir schon von einer Klassenfahrt und ein paar privaten Besuchen bekannt, aber ist sie mir auch vertraut? Mein bisheriges Bild von Berlin: ein von den Narben der Zeit geprägtes Stadtpanorama, ein Atem, der nach Historie und Veränderung riecht, gehypte Hauptstadt, pulsierendes Großstadtleben, ein sogenannter ‚place to be‘, eine Mischung aus Unglaubwürdigkeit und Authentizität, ein willkommenes Schlupfloch für jegliche Ausprägung der Persönlichkeit.


Die Wahrnehmung Berlins differiert von Individuum zu Individuum, von Gruppe zu Gruppe, von Zeitgeist zu Zeitgeist, von Epoche zu Epoche, doch es lassen sich auch Überschneidungen und Übereinstimmungen ausmachen. Ein Medium, das in mannigfacher Weise die Facetten Berlins archiviert, ist die Musik. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde die Berliner Luft mit „ihrem holden Duft“ und die universelle Beliebtheit des Berliners besungen.

 

Hildegard Knef stellte in den sechziger Jahren die perfekte Unperfektheit der Stadt heraus, bei Marius Müller-Westernhagen erhielt Berlin kurz vor dem Mauerfall einen fesselnden, animalischen und unbezwingbaren Charakter: „Berlin, keine Mauer dieser Welt kann dich zähmen, wildes Tier Berlin.“ Es gibt aber auch kritische Bewertungen der Berliner Attitüde und Inszenierung: „I hate Berlin für das, was war. I hate Berlin bleibt immer wahr. [...] für was, für wen und zu viel Dinge sind geschehen, für dein Klischee der Arroganz warst du mir schon aus der Ferne suspekt.“ Im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends wird das Motiv der Berliner Luft mit anderer Konnotation erneut aufgegriffen: „Dickes B, home an der Spree, im Sommer tust du gut und im Winter tut’s weh. Mama Berlin – Backsteine und Benzin – wir lieben deinen Duft, wenn wir um die Häuser ziehn.

 

Die Berliner Luft im Vergleich zu anderen Städten bietet leckersten Geschmack, allerbeste Qualitäten, um Parade zu feiern und exklusive Feten“, zugleich wird allerdings die enorme Anziehungskraft der Berliner Szene für die Masse bemängelt; Peter Fox, Mitglied der Gruppe Seed und einer der momentan bekanntesten Berliner ‚Stadtaffen‘, singt über die äußerlichen und augenfälligen Makel seiner Heimat, die seiner inneren Abhängigkeit von ihr jedoch nichts anhaben können.


Eines der aktuellsten Lieder, das die Außenwirkung und das Image, das Berlin heutzutage anhaftet, in den Fokus nimmt, ist Ich will nicht nach Berlin von Kraftklub. Der Text des Titels, den die Band beim Bundesvision Songcontest 2011 als Beitrag für das Bundesland Sachsen präsentierte, spielt mit der Rolle des kreativen, innovativen, stylischen und trendigen Menschen, in die vermeintlich all diejenigen reinschlüpfen (wollen), die nach Berlin gehen. Viel Oberflächlichkeit und leere Wortblasen, wenig Inhalt, Sinn und Tiefe – Berlin wird in gewisser Hinsicht zu einem ‚Hassobjekt‘ und einem Magnet, von dem man sich nicht anziehen lassen möchte.

 Im Januar 2012 fahre ich mit meinen Dozenten und Kommilitonen nach Berlin, um die Stadt als Erinnerungsort zu erkunden und zu verinnerlichen. Will ich nach Berlin? Wird sich eines der Bilder der Hauptstadt bei mir durchsetzen?


Dienstag, 10. Januar 2012. Früher Nachmittag. Kaiserwetter. Ankunft am Berliner Hauptbahnhof. Unsere Schlafstätte liegt am Prenzlauer Berg. Wir nutzen zur Anfahrt die öffentlichen Verkehrsmittel: „Auf allen Bahnen fährt sich’s flott und munter, mal fährt man hoch, mal auf dem Untergrund. Ja, in Berlin geht’s drüber und drunter, doch fährt man lange, kommt man auf den Hund. In keiner Bahn ist meist ein Platz zu kriegen, man sitzt zu eng und kann die Platze kriegen.“

 

Ausstieg Schönhauser Allee. Prenzlauer Berg – Ostberlin, (ehemaliges) Künstlerviertel. Seit der Wende findet sich das soziale Klima im Umbruch: das Arbeitermilieu und die sogenannte ‚alternative Szene’ weichen einem besser situierten Klientel, die akademische Schicht ist im Besiedlungswahn. Während des Naziregimes war der Prenzlauer Berg die Hochburg des Widerstandes, in den siebziger und achtziger Jahren beherbergte das Viertel das Zentrum der gegenüber der DDR oppositionell Eingestellten – ein Bezirk als Ort der permanenten Auflehnung. Nach dem Mauerfall entwickelte sich der Stadtteil zum Szeneviertel mit einem intensiven Nachtleben. Max Herre beschreibt in seinem Song King vom Prenzlauer Berg die Persönlichkeitshochstapelei und Wichtigtuerei vieler Bewohner, legt die kreative Szene unter die Lupe und trifft eine ernüchternde Diagnose: „Junge, komm mal klar und in seinen Gedanken ist er der King vom Prenzlauer Berg, sitzt da mit seiner IT-Branchen-Posse und spricht über Projekte, die nie passiern! Er steht wirklich stereotypisch für die anthropologische Entwicklung dieser Region in den letzten Jahren.“ Manchem bescheinigt Herre ein „metamorphorisches Talent“ und Unbeständigkeit, denn „[...] wie sein Schuhwerk, wechselt er die Gesinnung und ändern sich die Bedingungen, enden sämtliche Bindungen.“ Ich erlebe den Prenzlauer Berg als bodenständig, als kulturell gemischt, als geprägt vom Lebenskonstrukt Familie, als kontaktfreudig, als lebendig. Es gibt viele Geschäfte – mal hängt in ihnen Massenware, mal liegt Individualität in den Regalen. Ich finde sowohl das auf sachlich-nüchterner Ebene Geschilderte als auch die subjektive Perspektive des Musikkünstlers Herre wieder: „Guten Morgen Berlin, du kannst so hässlich sein, so dreckig und grau“. Erster Morgen in Berlin. Bedeckt von steifer Hostelbettwäsche wache ich auf. Das Wetter hat sich einen bewölkten Overall angezogen. Die dreitägige Entdeckung der Stadt Berlin als Archiv beginnt....

 


Erinnerung 1:

Nicht immer nur die Sache, die Geschichte, das Erinnerte bleibt im Gedächtnis, sondern auch diejenigen, die darüber berichten und Inhalte weitertragen. Der ‚Erzähler‘ (z. B. die Führungen durch die Brecht-Weigel-Gedenkstätte und das Neue Museum) macht das Geschehene greifbar und lebendig, zeigt mitunter eine überzeugende Begeisterung, teilt sein enormes Wissen und sorgt somit dafür, dass die Worte sich im Gedächtnis festhaken und abgespeichert werden. Es baut sich eine Verbindung zwischen ‚Erzähler‘, ‚Erzähltem‘ und ‚Zuhörer‘ auf. Geschichte wird inszeniert und spielt sich dann im Kopf ab.


Erinnerung 2:

Ein Museum lässt sich nicht nur durch seine Inhalte definieren, sondern die Hülle, das Gebäude an sich ist schon Träger von Geschichte und offenbart bei genauerer Betrachtung seinen durch den Lauf der Zeit verwundeten, fragmentierten und teilweise wieder hergestellten Körper (Neues Museum) oder seine durch bestimmte Entscheidungen definierte und mit Intentionen versehene Struktur (Jüdisches Museum, Neues Museum).

 

Erinnerung 3:

Ein Museum muss keine Dinge ausstellen, die mal waren oder noch sind, sondern auch Inhalte, die so gewesen sein könnten (Museum der unerhörten Dinge). Ein Museum muss nicht zwingend bemüht sein, Realität abzubilden, sondern es kann sich auch in dem Grau zwischen Wahrheit und Fiktion bewegen und fantasieanregend sein. Wenn man sich beispielsweise an ein vergangenes Ereignis erinnern möchte, verwischt auch des Öfteren die Grenze zwischen Wirklichkeit und Imagination – Erinnerung kann man nicht immer mit Tatsache gleichsetzen.

 

Erinnerung 4:

„Hier nebenan ist das Filmset von GZSZ.“ Wenn zwei Medien aufeinandertreffen: Deutsches Rundfunkarchiv Babelsberg und Filmstudios Babelsberg.

 

 

Zurück in der Gegenwart. Mittlerweile habe ich mich an meinen Tisch gesetzt. Der Tee ist ausgetrunken, der Beutel hängt verschrumpelt in der Tasse. In Berlin haben wir uns vorwiegend auf die Vergangenheit, auf Geschichte, die in verschiedenen Materialien konserviert ist, konzentriert. Wir haben durch eigene Erarbeitung und durch die Berichte anderer die differenten Schichten der Stadt ausgegraben und freigekratzt. Auf dem Weg zu den Stätten der Erinnerung begegnete einem das Hier und Jetzt, aber auch die Zukunft: auf der Straße, in Cafés und Restaurants, in den Läden, auf Baustellen, im Berliner Menschenstrom. Der Kontakt mit dem augenblicklichen Berlin war kurz, aber einprägsam.

 

Kommentar einer Kommilitonin: „Die Leute sehen hier auch ganz normal aus.“ Das szenige, sich an den Puls der Zeit klammernde Berlin ist mir nicht übermäßig ins Auge gefallen, aber ich habe mich auch nicht intensiv auf Spurensuche danach begeben. Die Gesichter der Stadt, die im Medium Musik Ausdruck gefunden haben und sicherlich weiterhin finden werden, waren mal mehr, mal weniger stark auszumachen, aber ein Funken Wahrheit steckte in jeder der Wahrnehmungen. Es ist vieles im Gedächtnis hängengeblieben, doch was letztendlich übrig bleibt, wird die Zeit zeigen. Mir ist zudem bewusst geworden, dass eigentlich jeder Gegenstand, jeder Ort, sei es eine große Stadt, ein Bauwerk, ein Betonklotz, eine Brücke etc., ein Archiv sein kann, denn eigentlich trägt alles eine Geschichte in sich, die nur – wie wir erfahren haben – gehört werden muss.

 

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Madsen: Berlin, was willst Du von mir (2010). Siehe: http://www.magistrix.de/lyrics/Madsen/Berlin-Was-Willst-Du-Von-Mir-1062266.html (Zugriff am 02. 02. 2012).

 


Lincke, Paul: Berliner Luft (1899). Siehe: "http://www.golyr.de/landeshymne/songtext-

das-ist-die-berliner-luft-" http://www.golyr.de/landeshymne/songtext-das-ist-die-berliner-luft- 442048.html (Zugriff am 02. 02. 2012).


Vgl. Knef, Hildegard: Berlin, dein Gesicht hat Sommersprossen (1966). Siehe: "http://www.hildegardknef.de/Texte/berlindeingesicht.htm" (Zugriff am 02. 02. 2012).

 

Müller-Westernhagen, Marius: Berlin (1986). Siehe: http://www.songtexte.com/songtext/marius-muller- westernhagen/berlin-2bdcf8c2.html (Zugriff am 02. 02. 2012).


Second Decay: I hate Berlin (1994). Siehe: http://www.justsomelyrics.com/888192/Second-Decay-I-Hate- Berlin-Lyrics (Zugriff am 02. 02. 2012).


Seed: Dickes B (2001). Siehe: http://www.songtexte.com/songtext/seeed/dickes-b-23db5c43.html (Zugriff am 02. 02. 2012).


 

Vgl. Fox, Peter: Schwarz zu blau (2008). Siehe: "http://www.songtexte.com/songtext/

peter-fox/schwarz-zu-blau-" http://www.songtexte.com/songtext/peter-fox/schwarz-zu-blau- 13cc913d.html (Zugriff am 02. 02. 2012).


Kraftklub: Ich will nicht nach Berlin (2011). Siehe: http://www.magistrix.de/lyrics/KRAFTKLUB/Ich- Will-Nicht-Nach-Berlin-1133568.html (Zugriff am 02. 02. 2012).


 

Reutter, Otto: Berlin, Berlin, trotz all deiner Fehler lieb ick dir mehr wie jede andre Stadt (o. A.) Siehe: "http://www.otto-reutter.de/index.php/texte/154-berlin-berlin-trotz-alle-deine-fehler-lieb- ick-dir-mehr-wie-jede-" (Zugriff am 02. 02. 2012).


 

Vgl. u.a. "http://www.zeit.de/2007/46/D18-PrenzlauerBerg-46" http://www.zeit.de/

2007/46/D18-PrenzlauerBerg-46 (Zugriff am 03. 02. 2012).


 

Vgl. "http://de.wikipedia.org/wiki/Berlin-Prenzlauer_Berg" (Zugriff am 03. 02. 2012).


 

Vgl. ebd.
Herre, Max: King vom Prenzlauer Berg (2004). Siehe:  http://www.golyr.de/max-herre/songtext-king-vom- prenzlauer-berg-413096.html (Zugriff am 02. 02. 2012).

 

Ebd.
Fox, Peter: Schwarz zu blau (2008). Siehe: http://www.songtexte.com/songtext/peter-fox/schwarz-zu-blau- 13cc913d.html (Zugriff am 02. 02. 2012).