Es war einmal in Pergamon

Die Geschichte einer Zeitreise ins Jahr 129 n. Chr.

Stumm steht sie da, im Schatten zwischen den Säulen. Ihr langes braunes Haar fällt in sanften Wellen auf ihre Schultern, ihren Kopf schmückt ein Blätterkranz. Die Falten ihres dunkelroten Kleids und die goldene Kordel um ihre Taille hängen reglos bis zu ihren Knöcheln herab. Es weht kein Wind an diesem sonnigen Tag. Zu ihren Füßen tobt ein Kampf auf Leben und Tod, den ein paar Männer in weiß fasziniert betrachten. Auch auf ihr ruhen immer wieder Blicke, streifen sie, dutzendweise. Doch das spürt sie nicht, denn diese Blicke sind nicht Teil ihrer Welt.


Aber die Beobachter haben das Gefühl, Teil ihrer Welt zu sein, zurückgereist zu sein zu diesem Sommertag im antiken Pergamon – 129 Jahre nach Christi Geburt. Sie haben das Gefühl, teilzunehmen am Treiben auf dem Marktplatz, den Arbeiten in den Bildhauerwerkstätten, dabei zu sein bei dem prunkvollen Fest zu Ehren des Gottes Dionysos. 

 

Diese Zeitreise ist die besondere Attraktion des Pergamon-Museums auf der Berliner Museumsinsel. Dabei erscheint die 30 m hohe Rotunde auf dem Ehrenhof des Museums von außen unscheinbar. Im Innern erleben die Besucher jedoch durch eine spezielle Lichtsimulation einen ganzen Tag in Pergamon. Umgeben von dem 25 m hohen und 103 m langen 360°-Panorama, werden sie zu Zeitzeugen des Alltags in der antiken Stadt. Eine mittig platzierte Aussichtsplattform simuliert den Blick von der 300 m hohen Akropolis über Pergamon und die mediterrane Landschaft.

 

Der Panorama-Künstler Yadegar Asisi hat drei Jahre lang intensiv an dem Rundbild gearbeitet. Bis September 2012 wird es auf dem Ehrenhof des Pergamonmuseums zu sehen sein. Die wissenschaftliche Grundlage lieferten die Archäologen der Berliner Antikensammlung und des Deutschen Archäologischen Instituts. Somit basiert die Rekonstruktion auf dem aktuellen Forschungsstand und kommt einem realistischen Abbild Pergamons so nah wie noch keines zuvor. Die Lücken der Wissenschaft füllte Asisi mit kreativer Kunst. „Ein Wissenschaftler nimmt nur das, was er tatsächlich als Erkenntnis weiß, behauptet, wissen zu können“, so Asisi. „Der Künstler darf die Zwischenräume füllen. Ich habe Spielräume, die der Wissenschaftler nicht hat.“[1]

 

Doch das Pergamon-Panorama ist nicht nur schön anzusehen, es bietet auch einen Mehrwert für die Museumsbesucher. Die können die realen Ausstellungsstücke im Bild verorten und so den ehemaligen Standpunkt bestimmen. Das Panorama zeigt die Exponate in ihrem ehemaligen Kontext und erschließt so auch ihren einstigen Zweck. Dadurch wird ein bewussterer und direkterer Zugang zu den Ausstellungsstücken geschaffen, sie bleiben nicht in ihrer abstrakten Isolation.

 

Zugleich wird an den realen Funden das Ausmaß von Asisis künstlerischer Ausgestaltung sichtbar. Eines der bekanntesten Exponate ist der Pergamonaltar, dessen rundum eingehauener Fries den Kampf zwischen Göttern und Giganten zeigt. Was auf dem Panorama eine bunte Fülle an Körpern, tierischen Gliedmaßen und Waffen ist, offenbart in Wirklichkeit große Lücken – und die Rekonstruktionsarbeit der Panorama-Gestalter. Die Exponate erinnern daran, dass das Panorama lediglich eine mögliche Realität abbildet, ein wahrscheinliche, aber nicht die echte. Von der könnte die junge Frau im dunkelroten Kleid erzählen, wenn sie wie im fiktiven Panorama auch im Ausstellungsraum auf dem Nordflügel des Altars direkt über Poseidon und Keto stehen würde.