Erinnerungskultur als Konstrukt: Die Brecht-Weigel Gedenkstätte

 

Lieber Suhrkamp,

ich wohne jetzt in der Chausseestraße, neben dem ‚französischen‘ Friedhof, auf dem Hugenottengeneräle und Hegel und Fichte liegen, meine Fenster gehen alle auf den Friedhofpark hinaus. Er ist nicht ohne Heiterkeit.“

(Bertolt Brecht)

 

 

Wir stehen vor einem kleinen Raum. Ein Schlafzimmer. Spärlich eingerichtet. An der rechten Wand ein Bett. Das Bett ist nicht groß, aber groß genug für einen kleinen Mann. Die Decke ist glatt gestrichen. An der Tür hängen Stock und Hut. Obwohl ich weiß, wem diese einst gehörten, kann ich nicht realisieren, dass Bertolt Brecht am 14. August 1956 in diesem Bett gestorben sein soll. Dabei ist alles so authentisch arrangiert, als sei Brecht eben gerade erst da gewesen. Aber hier soll er wirklich seine letzten Stunden erlebt haben? Dieser Brecht, den man als Schüler spätestens durch Das Leben des Galilei kennt und dessen Werk jeden Germanistik-Studenten während seines Studiums begleitet. Ich versuche mir das Bild seines Körpers in diesem Bett vor Augen zu rufen. Doch es möchte mir nicht gelingen.

 

Ein ähnlich faszinierendes, jedoch auch zugleich irritiertes Gefühl beschleicht mich auch in den anderen Räumen. Im Oktober 1953 zog Brecht in die Mietswohnung im ersten Stock. Einen Monat später folgte ihm seine Frau Helene Weigel, die Schauspielerin und Intendantin am nahegelegenen Berliner Ensemble war. Sie bezog die Wohnung im zweiten Stock des Hauses. Da Brecht seine Etage ausschließlich für seine Arbeit nutzte, trafen sich die beiden meist im Erdgeschoss, wo sie eine Küche und einen gemeinsamen Wohnraum teilten. Nach dem Tod Bertolt Brechts zog Helene Weigel ins Erdgeschoss und gründete ein Archiv – heute im zweiten Stock untergebracht – zur Sichtung und Sicherung des Nachlasses ihres Mannes. Bis zu ihrem Tod im Jahr 1971 blieb die Wohnung in der Chausseestraße für sie Rückzugsort und zugleich Erinnerungsstätte. Seit 1978 sind die Räume für Führungen zugänglich.

 

Und so stehen nun auch wir mitten in Brechts Wohn- und Arbeitszimmern - in dieser Gedenkstätte, die nicht an Brechts Werk sondern an sein Leben erinnern soll. Wenn man auch den Zusammenhang in dem beides miteinander steht, nicht vergessen darf. In seinem privaten Arbeitszimmer, dem kleineren Raum der Wohnung, saß Brecht bereits morgens früh an seinem Schreibtisch. Wenn die ersten Sonnenstrahlen auf seinen Schreibtisch fielen, schrieb und arbeitete er schon, bevor er sich auf den Weg zu den Proben machte. Die Bücherwand beeindruckt. Für Brecht hätte man jedoch mehr erwartet. Und auch hier, in diesem Raum, der für Brecht ein privates Refugium war, in dem er die meiste Zeit verbrachte, in dem er nur ausgewählte Gäste empfing und dies auch nur dann, wenn ihm die Laune danach stand, auch hier fällt es schwer, sich vorzustellen, wie er konzentriert an seinem Schreibtisch sitzt oder grübelnd auf und ab schreitet.

 

Wir erfahren, dass persönliche Dinge des ehemaligen Bewohners fehlen. Die Erben nahmen nach seinem Tod persönliche Dinge und Erinnerungsstücke mit. Einiges wurde umgestellt, wiederrum anderes steht jedoch noch an genau derselben Stelle wie einst und ist fast unberührt. Doch auch beim Gang durch das größere Zimmer der Wohnung, in dem Brecht fast jeden Abend Gäste und Theaterleute empfing, mit ihnen diskutierte, arbeitete, stritt und lachte, wird deutlich, dass es sich bei dieser Gedenkstätte bei allem Anspruch an Authentizität und Wahrhaftigkeit auch um ein Konstrukt handelt. Ganz gleich, mit wie viel Sorgfalt man sich einem solchen Vorhaben widmet und die Vergangenheit eines Menschen archiviert - vollkommene Authentizität bleibt eine Wunschvorstellung. Und wenn es zuletzt die Zeichen der Zeit sind, die Dinge verändern.

 

Im unteren Geschoss des Hauses, des ehemaligen gemeinsamen Reiches, setzt sich dies fort. Die Schuhe Helene Weigels vor dem Bett und auch ihre Tasche, die sich auf Fotos von ihr auch tatsächlich als ihre ausweist, schenken uns für einen kurzen Moment das Gefühl, sie käme bald zur Tür herein. Doch bei genauerer Betrachtung wirken die Räume starr und unbelebt. Im Wintergarten warten zwei Eintagsfliegen auf der im Sonnenlicht liegenden Fensterbank auf ihr Ableben. Das einzige, was hier noch wirklich lebendig ist, sind die Topfpflanzen. Auf Nachfrage erfahren wir, dass diese wirklich noch aus der Zeit Brechts und Weigels stammen: Als Ableger der ursprünglichen Pflanzen haben sie die Bewohner überlebt.

 

Wir verlassen die Gedenkstätte und gehen ein paar Schritte, um schließlich vor Brechts Grabstätte auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof zu stehen. Im Vergleich zu seinem Bett, in dem er starb ist diese Grabstelle überdimensional groß. Doch außer durch Größe überrascht dieses Grab durch Unscheinbarkeit. Vor einer Mauerecke aus roten Backsteinen und auf einem Boden, der von grünen Bodendeckern überwuchert ist, verraten zwei schlichte Natursteine, wer hier liegt.

 

Auch dieses Grab, umgeben von Grabmälern berühmter Schriftsteller, Komponisten, Philosophen und Schauspieler, ist Teil der Erinnerungskultur um Bertolt Brecht und seine zweite Ehefrau. Brechts Ruhestätte bedeutet auch für uns das Ende dieser Spurensuche. Doch das Gefühl, das mich in Brechts Wohnhaus beschlichen hat, beschäftigt mich immer noch. Obwohl wir mitten in Brechts privaten Räumen standen und zahlreiche persönliche Dinge uns umgaben, ist die zeitliche Distanz stets spürbar.

 

Hier wird klar, dass Erinnerungskultur mit ihren Gedenkstätten immer auch ein Konstrukt ist, das nie den Anspruch auf absolute Authentizität beanspruchen kann. Museen, Bibliotheken und Archive konservieren materielle Rückstände einer Person oder Kultur. Doch bei aller Mühe, den Originalzustand beizubehalten oder zurückzuholen, muss dieser stets eine Utopie bleiben.



Mehr Infos: Brecht-Weigel-Gedenkstätte