Auf den Spuren von Else Hecht

Meine Erinnerungsreise nach Berlin begann bereits drei Tage früher als die meiner Kommilitonen. Da meine Oma in der Stadt wohnt, nutzte ich die Gelegenheit und überraschte sie vorab mit meinem Besuch. Als ich an ihrem Wohnhaus in der Motzstraße im Stadtteil Wilmersdorf ankam, fiel mir auf Anhieb die Veränderung auf. Wo bei meinem letzten Besuch noch das für Berlin typische, holprige Kopfsteinpflaster zum Stolpern verleitete, hatte mein Schwanken nun einen anderen Auslöser. Mittig vor dem Hauseingang wurde während meiner Abwesenheit ein Stolperstein verlegt. Einer von mittlerweile über 30.000, die in vielen Orten Deutschlands und im europäischen Ausland an das Schicksal der Menschen erinnern, die durch das nationalsozialistische Regime vertrieben, ermordet oder deportiert wurden.[1]

 

Dieses Projekt „Stolpersteine“ entwarf der Künstler Günter Demnig vor knapp 20 Jahren und verlegte drei Jahre später – noch ohne offizielle Genehmigung – die ersten Steine in Berlin-Kreuzberg. Über einen eben solchen Stein stolperte ich, allerdings nicht so, dass ich hinfiel. Ich stolperte vielmehr innerlich, hielt inne und bückte mich, um die Inschrift der Messingplatte besser lesen zu können: Hier wohnte Else Hecht, geb. Grossmann, Jg. 1884, deportiert 15.8.1942, Riga, ermordet 18.8.1942. Mich fröstelte es. Hier direkt vor meiner Nase wurde vor 70 Jahren eine Frau namens Else Hecht nach Riga deportiert und nur drei Tage später ermordet. Dieser Gedanke löste ein mulmiges Gefühl in mir aus und warf eine Menge Fragen auf: Wer war diese Frau und wie sah sie aus? Hatte sie Familie und wurde auch sie deportiert? Wie hat sie hier gelebt und was hat sie empfunden, wenn sie durch diese Straße ging? So stand ich eine ganze Weile in der Kälte und versuchte mir diese Person vorzustellen; eine Fremde, mit der ich nichts gemeinsam hatte, außer, dass sie einmal an dem Ort wohnte, wo nun meine Oma wohnt.

 

Es ist nicht mehr Else Hechts Haus, also jenes, aus dem sie am 15.8.1942 herausgetrieben und nach Riga deportiert wurde. Wie sie wurde auch ihr Haus im Laufe des Zweiten Weltkriegs ausgelöscht und mit ihnen der gesamte Straßenzug des Wilmersdorfer Teils der Motzstraße. Die nach Kriegsende aus dem Boden gestampften Betonklötze lassen keinerlei Erinnerung an die Zeit vor der Zerstörung zu. Meine Oma zog 1961 in dieses Haus ein, nachdem sie mit ihrem Mann und ihren Zwillingstöchtern kurz vor dem Bau der Berliner Mauer aus Ostberlin geflüchtet war. Es gab nie einen Hinweis auf die Vorgeschichte dieses Ortes. Dutzende Male lief ich schon über diesen Weg, ohne mir je Gedanken darüber gemacht zu haben, dass sich auch hier ein Kapitel der Geschichte Nazi-Deutschlands abgespielt haben könnte. Es überraschte mich selbst, was so ein kleiner Stein mit seiner glänzenden Messingplatte in mir auszulösen vermochte. Auch während der Exkursion „Berlin – Stadt als Archiv“ ließ mich der Gedanke an Else Hecht nicht los. Vielleicht war es auch gerade diese intensive Auseinandersetzung mit dem Thema Erinnerung, die dazu beitrug, mich weiter mit Else Hecht zu beschäftigen.


Von der zuständigen Koordinationsstelle der Initiative Stolpersteine erfuhr ich von einer Reportage, die anlässlich der Verlegung des Steins in der Berliner Zeitung erschienen war.[2] Sie half mir, einige meiner offenen Fragen zu beantworten. Else Hecht kam ursprünglich aus Plauen, wo sie zusammen mit ihrem Mann Karl Hecht zwei Bekleidungsgeschäfte führte. Das Ehepaar hatte zwei Töchter, die noch rechtzeitig nach England und Palästina flüchten konnten. Else und Karl Hecht entschieden sich gegen eine Flucht. Der Grund ist nicht bekannt. Laut dem Zeitungsbericht starb Karl Hecht 1942 an einer Lungenentzündung und wurde auf dem Jüdischen Friedhof in Weißensee beigesetzt. Von seiner Frau existieren noch zwei Briefe, die sie vor ihrer Deportation an ihre Tochter in London geschrieben hatte. Sie bezeugen eines der zahlreichen Verbote und Erlasse, welche die Freiheiten der Juden während des nationalsozialistischen Regimes immer mehr einschränkten, wenn nicht gleich völlig raubten. Nicht mehr als 30 Wörter und keine Klagen durften in den jüdischen Briefen erscheinen. So schrieb Else Hecht nur sechs Tage vor ihrer Deportation: „Geliebtes Kind. Dies Antwort auf beglückenden Junibrief. Nichts von Kindern? Bin gesund, arbeite, verdiene. Sehnsucht unendlich. Bleibt gesund und stark. Innigste Küsse. Dir, Kindern. Mutter“.[3] Ob sie zu diesem Zeitpunkt wohl ahnte, was mit ihr geschehen würde? Darauf wusste ihre Enkelin Ruth Rotstein keine Antwort. Sie wurde in Palästina geboren und hat ihre Großeltern nie kennen gelernt. Dennoch war sie es, die die Initiative ergriff und von Israel aus die Verlegung zweier Stolpersteine für ihre Großeltern organisierte. Sie bedauerte es, so wenig über die Eltern ihrer Mutter zu wissen und wollte verhindern, dass sie in Vergessenheit gerieten.


„Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist“, so beschreibt Gunter Demnig die Grundidee, die hinter seinem Projekt Stolpersteine steckt. [4] Dadurch, dass die Steine direkt vor den Wohnhäusern verlegt werden, werde die Erinnerung an die Menschen lebendig, die einst dort wohnten, heißt es auf der offiziellen Homepage.[5] Dem treten allerdings auch kritische Stimmen entgegen, wie die von Charlotte Knobloch, ehemalige Präsidentin des Zentralrats der Juden, die es „unerträglich“ fände, dass man mit Füßen auf den Namen ermordeter Juden herumtrete.[6] Dieser Gedanke sei Demnig auch gekommen, gab er in einem Interview mit dem Fernsehsender Arte offen zu.[7] Zur Sicherheit habe er die jüdische Gemeinde in Köln um Rat gefragt, die ihn und sein Projekt befürworteten und unterstützten.


Der Stolperstein in der Motzstraße 82 hat bereits Ruth Rotsteins und Gunter Demnigs Wunsch erfüllt: Ich bin stehen geblieben, nachdenklich geworden und werde Else Hecht so schnell nicht vergessen.



[1] http://www.stolpersteine.eu/technik.html (30.01.2012)

[2] http://www.berliner-zeitung.de/magazin/reportage-der-goldene-stein,10809156,11283778.html (30.01.2012)

[3] Ebd.

[4] http://www.stolpersteine.eu/start.html (01.02.2012)

[5] Ebd.

[6] http://www.sueddeutsche.de/muenchen/opfer-des-ns-terrors-neue-diskussion-ueber-die-stolpersteine-1.677117 (01.02.2012)

[7] http://www.arte.tv/de/Die-Welt-verstehen/Geschichte/NAV-A-l-antenne/Stolpersteine/2101550.html (01.02.2012)