Berlin – eine Stadt mit Palimpsestcharakter

Verschränkung von Theorie und Praxis – Ein Seminar, das nicht zu viel verspricht

 

 

10. Januar 2012 macht sich eine Gruppe von 30 Studenten und vier Dozenten der Universität Duisburg-Essen auf den Weg nach Berlin, um dort das Praxisseminar mit dem Titel „Archivarbeit“ vier Tage lang zu erleben.

 

Bereits am Bahnhof in Essen scheint die Vorfreude groß, das Wetter ist für Anfang Januar sehr mild, der Zug kommt pünktlich, was will man mehr? Doch was die Studenten genau erwartet, ist noch unklar. Zur Vorbereitung sollte jeder den Reader gelesen und ein Referat zu zuvor vergebenen Themen vorbereitet haben.

 

Das Referat zum Thema „Die Stadt als Archiv“ fasst große Teile der Exkursion zusammen, besonders die Betrachtung einer Stadt als Palimpsest, was man in Berlin sehr gut in verschiedenen Varianten erfahren kann.

 

Theoretisch betrachtet zeigt sich der Palimpsestcharakter einer Stadt darin, dass Gebäude verschiedener Epochen anwesend sind, allerdings nicht alle Schichten gleichzeitig wahrgenommen werden können, da nicht alle für das Auge präsent sind.

 

Diese Definition trifft auf die Weidendammer Brücke beziehungsweise auf den Brückenschmuck zu. Ursprünglich waren die schmiedeeisernen Adler, die auf beiden Seiten das Geländer zieren, mit einer Kaiserkrone gekrönt. Dieses Element wurde allerdings nach dem Umbau der Brücke in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts nicht wieder angebracht und erst in den 80er Jahren rekonstruiert, sodass heute wieder der ursprüngliche Brückenschmuck zu sehen ist.

 

Die Weidendammer Brücke ist ein gutes Beispiel dafür, dass sich Architektur im Laufe der Zeit verändert. Doch auch wenn die Veränderungen im Nachhinein nicht mehr wahrgenommen werden können, so haben sie dennoch stattgefunden.

 

Der Griechische Hof im Neuen Museum stellt hingegen ein ganz anderes Beispiel dar. Hier ist der Palimpsestcharakter des Gebäudes heute eindeutig zu erkennen: die verschiedenen Schichten, sowohl die horizontalen, als auch die Materialüberlagerungen der einzelnen Ebenen sind hier zu sehen. Durch diese sichtbaren Schichten ist erkennbar, dass der Griechische Hof mehrfach verändert wurde. Das Gebäude hat beispielsweise im zweiten Weltkrieg großen Schaden erlitten, sodass es restauriert werden musste. Dabei wurden ursprüngliche Strukturen erhalten und nur wenn nötig durch moderne ersetzt. So kam etwa erst nach dem zweiten Weltkrieg das Glasdach, das den Hof nach oben abschließt, hinzu.

 

Eine dritte Variante des Palimpsests ist im Brecht-Weigel-Museum zu sehen. In der unteren Etage des Hauses lebte einst Helene Weigel, heute ist dieser Bereich in den Eingangsbereich des Museums umgebaut. An Helene Weigel und den Zustand des Hauses zu ihrer Lebzeit erinnern allerdings Bilder an der Wand. Der Besucher wird folglich darauf aufmerksam gemacht, dass es hier mal anders aussah.

 

Es sind drei ganz unterschiedliche architektonische Orte, die den Essener Studenten eindrucksvoll und hautnah gezeigt haben, dass die Stadt als Palimpsest nicht nur ein theoretisches Konstrukt, sondern in Berlin auch erfahrbare Realität ist. Da diese drei Orte zudem alle an einem Tag angeschaut wurden, konnte man sie auch gut miteinander verbinden. Die theoretische Reflexion fand zwar erst einen Tag später statt, doch durch sie konnte eine abschließende Verschränkung von Theorie und Praxis resultieren, wodurch das Praxisseminar zum einen seine Bezeichnung verdient und zum anderen durchaus von Nutzen war.

 

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Quelle:

Assmann, Aleida: Geschichte findet Stadt. In: Csásky, Moritz, Christoph Leitgeb (Hrsg.): Kommunikation – Gedächtnis – Raum. Kulturwissenschaften nach dem »Spatial Turn«. Bielefeld 2009.

http://www.neues-museum.de/nm/index.html?r=vestibuel[letzter Zugriff: 09.02.2012]