Bei Brechts auf dem Sofa – ein Besuch der Brecht-Weigel-Gedenkstätte.

„Der Mensch ist erst wirklich tot, wenn niemand mehr an ihn denkt.“

(Bertolt Brecht)

  

Touristenattraktionen sind zumeist eines nicht: gemütlich oder gar behaglich. Überlaufen, von tausenden Besuchern pro Monat frequentiert, sind sie eher Massenabfertigung als ehrlicher Erinnerungsort. Wie sollte es auch anders sein, wenn selbst das Erinnern als ökonomisches Moment genutzt wird. Sehenswürdigkeiten und museale Orte sind so gesehen auch nur wirtschaftlich gewinnabwerfende, kommerziell genutzte Plätze.


Ob das Brecht-Weigel-Haus und die Gedenkstätte auf der Chausseestraße 125 neben dem Dorotheenstädtischen und dem Französischen Friedhof eine wirkliche Ausnahme bilden, sei dahin gestellt. Dennoch vermitteln diese Erinnerungsorte dem Besucher eine andere Mentalität als die des Massenkonsums. Mit maximal acht Besuchern und einer treuergebenen Anhängerin Brechts, die die Gruppe durch das Haus führt, macht man sich auf Brechts und Weigels Spuren und hat bisweilen das Gefühl, dass da noch ein Stummel von Brechts Zigarre in dem Aschenbecher auf dem Tisch glimmt.


Eugen Bertolt Friedrich Brecht oder kurz Bert Brecht lebte ab Oktober 1953 bis zu seinem Tod am 14. August 1956 in der ersten Etage des Seitenflügels und Hinterhauses. Angetan bei dieser Wohnung war Brecht wohl besonders von der Nähe zum Berliner Ensemble, zur Akademie der Künste und von dem Ausblick aus den großen Fenstern der zwei Arbeitszimmer: sie ermöglichen bis heute einen außergewöhnlichen Blick auf die Gräber der beiden angrenzenden Friedhöfe.


Helene Weigel bewohnte zu Brechts Lebzeiten die zweite Etage des Hauses. Die Mutter Courage-Darstellerin liebte es, für Freunde und Schüler Brechts zu kochen. Keiner durfte sie bei ihren Kochritualen stören, die kleine Küche im Erdgeschoss war allein ihr Territorium.


Diese kleinen, menschlich machenden Anekdoten sind es, die die Führung durch das Brecht-Weigel-Haus so speziell machen. Mit Begeisterung, und als wäre sie beinahe selbst dabei gewesen, erzählt die Gruppenführerin von Brechts Eigenarten, überall Aschenbecher stehen zu haben, seiner vielfältigen Bibliothek, die mit circa 4000 Bänden heute auch den Benutzern des Bertolt-Brecht-Archivs zur Verfügung steht, seinem Chaos, das im Nachhinein gar nicht so leicht zu ordnen war, seiner Vorliebe für ein großzügiges Arbeitszimmer mit vielen Tischen und einem Schlafzimmer, das mit seiner Einrichtung und seinen Platzverhältnissen einer Gebetszelle eines Kloster gleicht.


Ab 1957, also nach Brechts Tod, zieht Helene Weigel ins Erdgeschoss, an welches sie eine Veranda anbauen lässt, um weiterhin Gäste empfangen zu können. Sie gründet das Bertolt-Brecht-Archiv und beschließt, die Wohnräume Brechts in ihrem Originalzustand zu erhalten, um sie später dem Archiv zu Verfügung stellen zu können. Bis zu ihrem Tod am 6. Mai 1971 lebt Weigel noch in dem Haus an der Chausseestraße.


Zu Brechts 80. Geburtstag, am 10. Februar 1978, wurde dann schließlich die Brecht-Weigel-Gedenkstätte eröffnet. Jeweils drei Räume sind in ihrem Originalzustand erhalten und ermöglichen dem Besucher einen ganz persönlichen und offenen Einblick in das private Leben des Duos Brecht/Weigel. Ist man zu Beginn noch eingeschüchtert von den wandhohen Bücherregalen des großen Brechts, so ist man am Ende der Führung fast schon bereit, sich auf eine leckere, warme Suppe aus der Weigel´schen Küche dazuzugesellen.


Mehr Infos: Brecht-Weigel-Gedenkstätte