Berlin. Berlin! Berlin?


 Wer will denn schon nach Berlin? Die Jungs von Kraftklub jedenfalls nicht. Ich auch nicht. Ich war noch nie in Berlin, habe dort nichts erlebt, habe keine Erinnerung der Stadt, weder an sie noch von ihr und schon gar nicht mit ihr. Alles, was ich über Berlin weiß, habe ich nicht selber erlebt. Das haben andere für mich gemacht. Mein Bruder hat dort ein paar Freunde. Aber die kenne ich ja nicht. Jüngst ist meine Cousine nach Berlin gezogen. Sie will dort eine Ausbildung machen. Zur Friseurin. Wieso um Gottes Willen ausgerechnet in Berlin? Als hätte sie das nicht auch zu Hause in Wanne-Eikel machen können. Aber sonst? Was habe ich bitte schön mit Berlin am Hut. Für mich ist sie nur diese unbekannte und doch allgegenwärtige Stadt an der Spree.

 

Durch die Medien und den Geschichtsunterricht wurde mir das Wissen über Berlin praktisch aufgezwungen: „Berlin ist wichtig. Ein historischer Ort, kulturell wertvoll. Eine super hippe Metropole“, haben alle gesagt. Ständig drängen sich die Bilder Berlins in meinen Kopf, ungewollte, oberflächliche Assoziationen: Reichstag, Brandenburger Tor, Holocaust-Mahnmal, Alexanderplatz, Mauerfall, Nina Hagen, Berliner Currywurst, Kurfürstendamm, Mario Barth. Ich gebe zu, meine Assoziationen scheinen eher trivial zu sein. Aber würde ich nun die großen Namen der Berliner Schriftsteller-, Philosophie- und Intellektuellen-Szene nennen, wäre es geheuchelt und spiegelte nur das wieder, was man von mir hören will. Deswegen lasse ich es gleich! Aber es sind eben keine persönlichen Erinnerungen. Berlin ist nicht mein Erinnerungsort.

 

Und was haben wir da nun gemacht, in Berlin? Uns der Stadt als Archiv, als Erinnerungsort gewidmet. Aha. Schön. Und weiter? Sind von Denkmal zu Mahnmal und zurück gerast. Haben Gedenkstätten, Friedhöfe und Museen abgeklappert. Und wozu das alles? Nur um zu sehen, dass das Holocaust-Denkmal viele der Besucher gar nicht dazu ermahnt, der im Zweiten Weltkrieg getöteten Juden zu gedenken. Es ermutigt sie vielmehr dazu, auf den grauen Gedenkstelen herum zu hüpfen und sich freudig, wahlweise vor, in oder mit ihnen, fotografieren zu lassen. Na toll! Wie bei der Ästhetik auch liegen Art und Weise des Gedenkens anscheinend im Auge des Betrachters.

 

Was ist mir denn nun von Berlin geblieben? Noch nicht mal ein Souvenir, ein Berlin-typisches Andenken, konnte ich ergattern. Wollte ich auch gar nicht! Denn das haben ja alle anderen auch. Oder ist Erinnern etwa doch kollektiv? Muss ich mich der breiten Masse fügen? Ein Teil des Ganzen werden? Natürlich! Denn ich agiere innerhalb meiner Kultur. Ich beuge mich ihrem Gedächtnis und teile ihre Erinnerungen. Das ist unumgänglich. Irgendwann durchdringen jeden einmal die Erinnerungen des kulturellen Gedächtnisses. Aber eben nicht nur solche!

 

Denn nun ist Berlin auch zu meinem persönlichen Erinnerungsort mutiert, zu einem von vielen. Jetzt habe ich endlich meine eigenen Erinnerungen an diese Stadt. Ich habe die günstigste Pizza meines Lebens gegessen, das teuerste Bier getrunken, bin der Spezies Kosmopolit begegnet und habe neue Leute und Eisenbahn-Romantik kennengelernt. Diese Erinnerungen sind meine eigenen. Ich teile sie mit niemandem. Oder zumindest nur mit denen, die dabei waren. Oder denen ich einen Einblick davon in meinen Erzählungen gewährt habe. Trotzdem sind es immer noch meine!

 

Und darauf kommt es doch nur an, oder? An die wirklich persönlichen Erinnerungen im Leben.

 

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1 Vgl. Assmann, Jan. “Kollektives Gedächtnis und kulturelle Identität”. In: Tonio Hölscher/Jan Assmann (Hrsg.): Kultur und Gedächtnis. Frankfurt a/M: Suhrkamp, 1988. S. 9 – 19.