Die rote Bärenkralle und wie sie zur Gründung Berlins beitrug

Albrecht I. von Brandenburg, auch bekannt als Albrecht der Bär, aus dem Geschlecht der Askanier gründete im Jahre 1157 die Mark Brandenburg und wurde so der erster Markgraf. Seinen Beinamen "der Bär" trug der Vater von sieben Söhnen schon zu Lebzeiten. Er war Ausdruck seiner Beharrlichkeit, repräsentierte aber gleichwohl seine Kraft und Tapferkeit.

 

Dort wo heute die Stadt Berlin steht, erstreckte sich damals ödes Sumpfland. Albrecht hatte es sich zum Ziel gemacht, die dort herrschenden heidnischen Wenden im Kampf zu besiegen und auf diesem Land eine neue Stadt entstehen zu lassen. Um ihn in seinem Unterfangen zu stärken, gaben ihm seine sieben Söhne einen Talisman mit auf den Weg: eine rot lackierte Bärenkralle.

Am frühen morgen hatte sich Albrecht mit seiner Weggefährten auf den Weg gemacht. Im Sumpfland der Spree hatte er seine Gefährten aber schließlich verloren und sich verirrt. Als die Dämmerung über ihn hereinbrach, befürchtete er im Wald unter dem Sternenhimmel übernachten zu müssen. Doch da war ein Licht. In Richtung der Spree sah er etwas flackern. Vorsichtig folgte er dem Schein und erblickte einen auf dem Wasser errichteten Pfahlbau. Er überquerte den schmalen Steg, klopfte an die Eingangspforte und ein Knecht öffnete ihm.

Dieser führte ihn ins Innere des Pfahlbaus, hinein in einen von Fackeln erleuchteten Raum, wo der Hausherr auf einem Bärenfell saß. An seinem Gruß erkannte Albrecht ihn als Wenden. Die rote Bärenkralle in seiner rechten Westentasche fest umschlossen, gab er vor auf der Jagd gewesen zu sein und seine Gruppe verloren zu haben. Er gab sich aber nicht als Fürst des Landes zu erkennen. Sein Gegenüber antwortete: "Du bist zwar ein Christ, doch weiß Rudolf von Stralow, auch diesen Gastfreundschaft entgegenzubringen. Hier hast du Obst, dort drüben auf dem Fell kannst du dich zur Ruhe legen!"

Die Bräuche und Rituale der Wenden waren Albrecht bekannt und um sich seines Lebens sicher zu wissen, bat er um Salz und Brot sowie um ein gemeinsames Mahl. Nur auf diese Weise wusste er sich den Schutz als Gastfreund zu sichern. Rudolf von Stralow war nicht ganz wohl bei der Sache und speiste nur ungern mit seinem unbekannten Gast, tat es aber doch.

Durch diese Geste beruhigt legte sich Albrecht schließlich zur Ruh. Im Haus herrschte reges Treiben, dies und die Bärenkralle, die ihn jedes Mal zwickte wenn er einzuschlafen droht, hielten ihn wach. Aus dem Augenwinkel sah er Rudolph der sich rüstete und verlauten ließ: "Es ist alles bereit!" Als sich dieser zum Verlassen des Hauses aufmachte, eilte Albrecht ihm entgegen und fragte wohin er wolle. Nach einigem zögern berichtete Rudolf ihm, dass er sich auf den Weg zu einem Triglavfest mache. Albrechts Bitte ihn mitzunehmen konnte Rudolph ihm nicht abschlagen, einem Gastfreund gegenüber verbat sich dies. In einen Wendenpelz gehüllt verließ Albrecht mit Rudolph das Haus.

Sie bestiegen ein Boot, das am Steg bereits auf sie wartete. Die Fahrt ging rasch die Spree hinab und immer mehr Boote schlossen sich ihnen an. Der Fluss gabelte sich und in seiner Mitte erblickte Albrecht eine Insel. Auf der sandigen Anhöhe stand der Triglavtempel. Die Männer machten fest und stiegen zum Tempel empor. Dumpfes Grollen drang aus dem Inneren hervor.

Als sie eintraten sah sich Albrecht um: Der Tempel war voll von Wenden. Er suchte in seiner Weste nach der Bärenkralle, fand sie und drückte sie sich an die Brust. Unwohl war ihm beim Anblick des großen Vorhangs am gegenüberliegenden Ende des Saals. Drei Priester traten hinter dem Vorhang hervor und begannen Triglav, den Kriegs- und Stammesgott der Werden, anzurufen. Als der Höhepunkt der Zeremonie erreicht war, rissen sie den Vorhang auf, und das überlebensgroße Abbild Trigvals kam zum Vorschein. Im Inneren des Weidengeflechts erkannte Albrecht ein Knäuel aus Menschen, die sich wandten und wimmerten.

Er erschrak: Es waren Christen, die dem Gott der Werden als Opfer gedacht waren. Noch bevor er sich seiner Gedanken bewusst geworden war, schritt der Oberpriester zur Tat und entzündete den Holzstoß. Von Wut gepackt zückte Albrecht sein Schwert und wollte seinen Glaubensgenossen zur Hilfe kommen. Im letzten Moment konnte Rudolf von Stralow seinen Gastfreund zurückhalten und zog ihn in die tiefblaue Nacht hinaus.

Im Wissen nichts mehr für seine Genossen anrichten zu können bestieg Albrecht das Boot. Kaum hatten sie abgelegt sprang er auf und harte Worte drangen aus seinem Mund: „Ein Bärlin will ich in den Sumpf da setzen; das soll die Wenden zusammentatzen, dass kein Christ mehr zu brennen braucht!“ Verwundert musterte ihn der Wende: „Du sprichst stolze Worte voll Herrengeist! Doch wer bist du?“ „Erkennst Du mich etwa nicht? Ich bin Albrecht, den sie den Bären nennen. Mein Bärlyn soll im Wendenlande herrschen und seine Tatzen weit auf Sumpf und Sand pranken! Doch Stralow, Du sollst besonderen Schutz genießen, weil du mich beherbergt hast. Nur der erste Fischzug gehöre dem Fürsten!“ sprach Albrecht und warf seinen Talisman in die Spree.

Dieser sollte den Grundstein Berlins bilden und der Stadt langes Glück bescheren. Kaum war die Kralle in die Spree eingetaucht und Albrechts Worte gesprochen, bemerkten die beiden Männer wie sich der Spree an beiden Ufern Fackelzüge näherten. Angeführt von den sieben Söhnen des Albrechts, hatte sich sein Gefolge auf die Suche nach dem Fürsten gemacht. Sie nahmen den Tempel ein und vertrieben die Wenden.

Aus Freude über den Sieg entstand an dieser Stelle neben dem wendischen Cölln das deutsche Bärlin. Noch heute ist auf dem offiziellen Wappen der Stadt Berlin, der Bär mit den roten Krallen zu sehen.

Quelle: Siegfried Armin Neumann, Berlin, Sagen und Geschichten, Schwerin 2004, S. 9 - 11.


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