Berlin abseits

 

„Zu den Zierden Deutschlands gehören seine Städte. Unter ihnen ist Berlin weder die älteste noch die schönste. Unerreicht aber ist seine Lebendigkeit.“   

 

Es bleibt dem interessierten Besucher der Hauptstadt wenig übrig, als Richard von Weizsäcker Recht zu geben – und dennoch: Die scheinbar unendliche Reihe kultureller und historischer Schätze der Stadt dürfte an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben. Vom Brandenburger Tor zur Weltzeituhr am Alexanderplatz, vom Pergamon-Museum zur Nationalgalerie, vom Holocaust-Mahnmal zur Siegessäule – Reiseführer und Touristeninformationen treiben den Reisenden an, seine Zeit gut zu nutzen.

 

In den drei Tagen der Berlinexkursion hat unsere Gruppe Wind, Kälte und Regen getrotzt und zahlreiche Kulturstätten sowie -institutionen auf ihre Archivfunktion hin untersucht. Auf einsamen Posten und doch als herausragend im Gedächtnis geblieben, ist dabei das „Museum der unerhörten Dinge“. Es zeigt uns, dass es fernab der großen Meister und exponierter, teils monumentaler, Hochkultur noch ein anderes Berlin zu erforschen gibt.

 

Deshalb möchten wir an dieser Stelle die Entdeckung des „Berlins der kleinen Dinge“ zum Anlass nehmen, um eine alternative Tour durch die Hauptstadt zu entwickeln. Die folgende Zusammenstellung kultureller Highlights abseits touristischer Pfade soll dabei mehr als ein „sowohl“ als ein „stattdessen“ verstanden werden.

 

 

Alex von oben – Die Aussicht vom Park Inn-Hotel

 

„Gewimmel, welch Gewimmel! Wie sich das bewegte. […] Was war das alles?“ Alfred Döblin ließ schon in den 20er Jahren den Protagonisten seines Romans Berlin Alexanderplatz über den Tumult auf den Straßen erschrecken. Wie würde es ihm wohl ergehen, beträte er heute den Verkehrsknotenpunkt der Hauptstadt. Um ein wenig durchzuatmen, lohnt sich der Weg nach oben. Mit weitem Blick von der Terrasse des Park Inn Hotels, die dem benachbarten Fernsehturm nur in Preis und Höhe etwas nachsteht, lässt es sich verschnaufen und neu orientieren. 

 

 

Lieber Staub aufwirbeln als Staub ansetzen – Das Kunsthaus Tacheles

 

Jetzt mal Klartext! Die Mitglieder der Künstlerinitiative „Tacheles“ sind seit jeher Freunde der klaren Worte - im Ost-Berlin des DDR-Regimes der 80er Jahre keine einfache Haltung. Nach der teilweisen Sprengung des ehemaligen Kaufhauses „Wertheim“ riefen die Freigeister zur Besetzung der Ruine auf, kurze Zeit später wurde das Gebäude dank ihrem Bemühen unter Denkmalschutz gestellt.

Ein bisschen Farbe für die verbliebenen Außenwände und Skulpturen aus Bauschutt waren der Grundstein. Im Laufe der Zeit entwickelte sich das Kunsthaus Tacheles zu einer festen Größe in der freien Kunstlandschaft der Stadt: Ateliers, Ausstellungsflächen, Programmkino und eine Bühne für das Off-Mainstream-Theater der Hauptstadt bieten seit Anfang der 90er Jahre Raum für das Erleben einer etwas anderen Kulturszene.

2009 sah sich der Tacheles e.V. dann aber gezwungen, Insolvenz anzumelden. Die für den 11.4.2011 angesetzte Zwangsversteigerung wurde kurzfristig abgesagt, dennoch wurden Kino, Gastronomiebereich, Hinterhof und Erdgeschoss geräumt. Achtzig Künstler verharren mit ihren Ateliers und Werkstätten bis zu einem endgültigen Beschluss des Gerichts.

 

 

Kultur verbindet -  Das Künstlerhaus Bethanien

 

Ebenfalls frei - und doch weitaus geordneter - geht es im Künstlerhaus Bethanien im Stadtteil Kreuzberg zu. Nach der Stilllegung des ehemals dort angesiedelten Diakonissen-Krankenhauses wurde das stattliche Gebäude aus den 1850er Jahren per Senatsbeschluss zum kulturellen und sozialen Zentrum erklärt. Seit 1973 wird das Haupthaus von zahlreichen selbstorganisierten kulturellen, künstlerischen und sozialen Einrichtungen genutzt. Ateliers, Ausstellungsräume und eine Musikschule zeigen: Kultur schafft Gemeinschaft. Zuletzt stoppten Besetzungen und Bürgerbegehren der „Initiative Zukunft Bethanien“ den Verkauf des Anwesens an einen privaten Investor.

 

 

Der verlassene Raum - Denkmal für das Wirken jüdischer Bürger in Berlin

 

"... O die Wohnungen des Todes, / Einladend hergerichtet / Für den Wirt des Hauses, der sonst Gast war - / O ihr Finger, / Die Eingangsschwelle legend / Wie ein Messer zwischen Leben und Tod - // O ihr Schornsteine, / O ihr Finger, / Und Israels Leib im Rauch durch die Luft!“ 

 

Ganz anders als das Holocaust-Mahnmal nahe des Brandenburger Tors, monumental und puristisch zugleich, inszeniert Karl Biedermann mit seinem „verlassenen Raum“ ein Stück Lebenswelt jüdischer Autoren in Berlin. In fast unmerklicher und doch irritierender Übergröße stehen auf dem Koppenplatz seit 1996 ein bronzener Tisch mit zwei Stühlen, einer davon umgestoßen am Boden. Die rechteckige Bodenplatte, einem abgelaufenem Parkettfußboden täuschend echt nachempfunden, säumen obige Zeilen aus dem Gedichtwerk Nelly Sachs`. Anlässlich des fünfzigsten Jahrestages der Progromnacht erinnert die Szenerie an die Deportation zahlreicher Juden des Viertels.

 

 

Unter den Gullideckeln der Hauptstadt – Die Berliner Unterwelten

 

Verlassene Kellergewölbe, verwaiste U-Bahnschächte, Lichtkegel von einsamen Taschenlampen – Auf die Wirkungskraft dieser Szenerien verlässt sich mittlerweile jeder dritte Horrorfilm und dennoch plagt den Zuschauer jedes Mal aufs Neue die Frage: Was würde ich tun? Als Berlinbesucher kann man dieser Frage auf den Grund gehen – allerdings ohne Gefahr zu laufen, dabei umzukommen. Der Berliner Unterwelten e.V. bietet verschiedene Führungen an, bei denen man der Vergangenheit der Stadt auf den Grund gehen kann – unterirdisch versteht sich.  

 

 

Heute ist die Welt nicht das, was sie einmal war – Das Designpanoptikum

 

Was ist Kunst? Und wozu wird sie geschaffen? Wer mit diesen Fragen auf der Zunge nach Berlin reist, wird von den Antworten förmlich erschlagen. Von bildender Kunst über Literatur, von Architektur über Photografie – hier sammelt sich alles, was Rang und Namen hat und bietet Argumente nach unterschiedlichsten Gesichtspunkten. Es lohnt sich aber auch den Blick etwas abseits der monumentalen Kunst schweifen zu lassen. Im Designpanoptikum auf der Torstraße in Berlin Mitte werden Exponate zur Schau gestellt, die früher einmal eine normale Funktion innehatten, den heutigen Betrachter aber vor scheinbar unlösbare Rätsel stellen. Kann Alltag also auch Kunst sein?

 

 

Von der Trennlinie zum Treffpunkt – Der Trödelmarkt im Mauerpark

 

Wo heute der Mauerpark liegt, verlief zu DDR-Zeiten die Grenze, die Ost und West, den französischen und den sowjetischen Sektor voneinander trennte. Zu Zeiten der Wende lag die große Fläche zwischen den heutigen Bezirken Prenzlauer Berg und Wedding noch brach, denn erst 1992 wurde die Umgestaltung des Geländes beschlossen. Aus dem ehemaligen Todesstreifen wurde eine Grünanlage, die nicht nur den Mauerpark in dem dicht bebauten Gebiet zu einem Naherholungsgebiet werden ließ, sondern auch Platz für zahlreiche Veranstaltungen bietet. Jeden Sonntag findet der Trödelmarkt im Mauerpark statt, der nicht nur Treffpunkt für Suchende und Feilschende ist, sondern auch Musiker und Straßenkünstler aller Art anzieht. 

 

 

Erlaubt ist was Spaß macht – Der Neuköllner Saalslam

 

Die Bretter einer Bühne müssen nicht immer gleich die ganze Welt bedeuten, manchmal ist Spaß an der Freude Motivation genug um ein gelungenes Abendprogramm auf die Beine zu stellen. Fast wie von alleine funktioniert das beim Poetry-Slam – regeln gibt es beim Neuköllner Saalslam nur eine kleine Hand voll: Alle Macht dem Publikum. Neun Poeten. Fünf Minuten. Zwei Stimmen. 

Jeden dritten Dienstag im Monat nehmen die Veranstalter des Heimathafens ihre Dichter und Besucher mit auf einen wilden Ritt durch Genres, Themen, Disziplinen - Poeten, Satirikern und Humoristen wird gleichermaßen Gehör geschenkt, der Gewinner wird ganz demokratisch per Publikumsentscheid ermittelt. 

Als neues Volkstheater bezeichnet sich der Heimathafen Neukölln – der verstaubte Begriff soll mit neuem Inhalt gefüllt werden. Seit 2007 wird Theater, Konzert, Kunst und Tanz hier wortwörtlich eine Bühne geboten.

 

 

Velourstapeten halten allem Stand– Die Tanzwirtschaft Kaffee Burger

 

Zu Anfang anrüchig, dann von den Kulturschaffenden Berlins bevölkert, später Ausgangspunkt zukünftiger Ex-DDR-Bürger und heute Russendisko. Was 1890 als Café Lido begann, beherbergt unter dem Namen Tanzwirtschaft Kaffee Burger, sogar noch an der Einrichtung ablesbar, die unterschiedlichen Phasen der Hauptstadtgeschichte. Auch, wenn es seinen Status als Treffpunkt von Vorreitern und Aussteigern eingebüßt hat, seine kulturelle Anziehungskraft erhält sich das „Kaffee“ durch Veranstaltung von Lesungen, Slams, Theater und Konzerten. Für die Liebhaber von „kaukasischen“ Klängen: Unter dem Titel Russendisko steht der Autor Wladimir Kaminer regelmäßig hinter dem Mischpult.

 

 

„Der Bewohner einer großen Stadt ist doch immer zu beneiden, weil ihm vor Aug und Ohr kommt, wovon wir Kleinstädter nie einen Begriff erhalten“ (J. W. von Goethe)

 

Das Berlin der kleinen Dinge, der Alltagskultur und der zeitgenössischen Kunstszene liegt nicht an der Oberfläche, ist für den flüchtigen Blick des Touristen auf die Stadt nicht ohne weiteres ersichtlich. Berlin geizt nicht mit seiner Fülle an Reizen, die Schätze abseits der Pfade des Kulturtourismus weiß es jedoch gut zu verstecken.


Die oben vorgestellte Alternativtour durch die Hauptstadt, sicherlich nur ein Schlaglicht auf das unerschöpfliche Angebot, soll demonstrieren, dass sich die Mühe der Entdeckung, des Grabens unter der Oberfläche und des Blicks zur Seite lohnt. 

 

Die nächste Reise kommt bestimmt... und sollte Berlin erneut das Ziel derselbigen sein, so  mögen die obigen Tipps „Berlin abseits“ den Blick auf die Hauptstadt in ihrer kulturellen Vielfalt ergänzen.


Mehr Infos: Kunsthaus Tacheles       

                     Künstlerhaus Bethanien

                     Der verlassene Raum

                     Berliner Unterwelten e.V.

                     DesignPanoptikum

                     Mauerpark Berlin

                     Neuköllner Saalslam

                     Kaffee Burger