Einbetonierte Erinnerung an eine Zeit voll Grauen 

 

Am Rande des grauen und kahlen Berliner Tiergartens an jenem Wintertag steht ein ebenso grauer Klotz. Groß, viereckig und klobig strotzt er dem Regen und der eisigen Kälte. In dem Klotz ist ein kleines Fenster eingelassen, das einem Spion an der Haustür gleicht. Dahinter – ein Film.

 

Ein Film von zwei sich küssenden Männern, die auf einer Wiese stehen. Das Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen steht unauffällig im Tiergarten, gleich gegenüber des Stelenfeldes, das Denkmal für die ermordeten Juden Europas. Dieses erscheint an jenem Tag ebenso grau in grau. Die tristen Betonstelen ragen traurig und nackt aus dem Boden, eine neben der anderen, zwischen Hochhäusern und sonst so befahrenen Straßen.

 

Die Kritik an der Gestaltung dieser beiden Denkmäler ist groß und fortwährend. Lange war man sich uneinig, welchen räumlichen Umfang das Holocaust-Mahnmal einnehmen solle. Dann war die Absicht Altkanzlers Schröder, einen Ort zu schaffen, „an den man gerne gehe“, für viele zweifelhaft. Schließlich sorgte die Ansicht des Mahnmal-Architekten Peter Eisenman, einen „place of no meaning“ zu kreieren, für Furore.

 

Ein weiterer Vorwurf war, das Stelenfeld gleiche stark Daniel Libeskinds „Garten des Exils“ im jüdischen Museum, was zu Plagiatsvorwürfen seinerseits führte. Darüber hinaus gedenke das Mahnmal bloß der Gruppe verfolgter und ermordeter Juden. Andere Opfergruppen des NS-Regimes, die ebenfalls im Holocaust ihr Leben ließen, würden nicht beachtet.

 

Etwas später entstand das Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen sowie das Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma. Diese Separation der Opfergruppen löste wiederum die Kritik aus, die verschiedenen Denkmäler würden sich an dem Aussortierungsmuster der Nationalsozialisten, an den Rassengesetzen des Dritten Reichs, orientieren. Die andere Seite sprach von einer Nivellierung der Opfergruppen, wenn nicht explizit an jede verfolgte Minderheit gedacht werde. 

 

Beim Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen erreichte diese Diskussion ihren Höhepunkt. Alice Schwarzer prangerte an, das Denkmal sei nur Schwulen gewidmet, da der Film eben nur Schwule und nicht auch Lesben zeige – wobei die Künstler klar ihre Absicht ausdrückten, der Film sei ein Portrait und keine Repräsentation.

Darüber hinaus wurde sowohl die versteckte Lage des Denkmals beanstandet als auch die Einweihung, bei der nur Berlins B-Prominenz anwesend war. Auch an der Aussagekraft des Betonklotzes und des Films mangele es, da nichts auf die Vergangenheit deute. Dies rechtfertigten die Künstler damit, dass sie genau das  nicht wollten. Sie wollten einen zeitgenössischen Film schaffen, der keinen Schlussstrich unter die Vergangenheit ziehe. 

 

Ein schlichtes und wichtiges Ziel verfolgen die Denkmäler: Sie wollen an die schreckliche Zeit des Holocaustes erinnern und Geschehenes nicht vergessen, sondern es auf ihre jeweils eigene Art und Weise präsent halten. Bei den bürokratischen und festgefahrenen Diskussionen scheint dieses Essentielle etwas in den Hintergrund geraten zu sein.

 

Egal, wie groß, wie grau oder wie unscheinbar ein Denkmal ist. Die eigentliche Absicht, die Erinnerung zu bewahren, ist stets vorhanden. Ob die Umsetzung der Denkmäler der Zeit des Holocaustes gerecht wird oder nicht, sollte nicht von ihrem Zweck ablenken. Von Interesse und Anerkennung sollte sein, dass überhaupt etwas politisch korrekt umgesetzt wird, das erinnert und gedenkt. 

 

Die kleinlichen und oberflächlichen Diskussionen um die Denkmäler stören. Sie verleiten dazu, schnell abzuschalten, anstatt sich mit der Materie zu befassen, und nehmen damit den Bauten ihren Sinn. Auch wenn der Betonklotz oder die Stelen nur nass, unscheinbar und trostlos in einer unübersichtlichen Großstadtwelt stehen, so stehen sie für eines: Für das Wachhalten der Vergangenheit, deren Zeitzeugen in naher Zukunft kaum mehr leben werden. 

 

Die Denkmäler schließen nicht mit den Gräueltaten der Nazis ab, sondern sie setzen sich mit dem Holocaust auseinander und geben die moralische Lektion weiter, es besser zu machen als damals. Sie geben nicht die Schuldfrage weiter, sondern die Verpflichtung zu erinnern. Die heutige Generation, die nicht mehr am Holocaust beteiligt war, muss aus dem Schatten der Schuld herausgeholt werden, aber sich dafür mit der Vergangenheit auseinandersetzen und dafür sorgen, dass das Gedenken an die Opfer stets lebendig bleibt. 

 

Wenn manch einer beim Thema Juden heute die Augen verdreht, so liegt es an einer Überfütterung in den Lehrplänen, die die NS-Zeit mit all ihren brutalen Fakten und unvorstellbaren Zahlen akkurat vermitteln. Denkt man an Juden, so denkt man an die Judenverfolgung im Zweiten Weltkrieg. Die negativen und grausamen Entwicklungslinien dieser Zeit haben sich in den Köpfen der Menschen „einbetoniert“. Vom jüdischen Leben, vom jüdischen Witz und vom Glauben weiß die heutige Gesellschaft nicht viel. Um mehr über jüdisches Leben zu erfahren, sollte auch die Zeit fernab zwischen 1933 und 1945 von mehr Interesse sein.

 

So betonen die Initiatoren des jüdischen Museums in Berlin, dass sie das Judentum mit all seiner Geschichte und seinen vielfältigen, spannenden Facetten darstellen. Das Museum gibt einen Anreiz, sich mit der deutsch-jüdischen Geschichte über den Nationalsozialismus hinaus zu beschäftigen. Mit dem Projekt „on.tour – Das JMB macht Schule“ ist diesbezüglich 2007 ein Anfang gemacht worden. Das Projekt will zum einen das Interesse der Schüler an die zweitausendjährige, deutsch-jüdische Geschichte wecken und zum anderen anhand von Alltagsgegenständen und Zeremonialobjekten die jüdischen Traditionen und Bräuche leicht zugänglich vermitteln.

 

Diese Ergänzung der Geschichtskenntnisse ist für unsere Erinnerungskultur von enormer Bedeutung. Es gilt, in erster Linie die grausame Vergangenheit aufzuarbeiten, aber auch über den Tellerrand hinaus zu blicken, um Zusammenhänge zu erkennen und um das beständige Interesse an Wissen so aufrecht zu erhalten. 

 


Mehr Infos: Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas