"Es gab in der Antike keine Kunst“, sagt der Guide im Neuen Museum in Berlin über die ihm knapp über die Hüfte reichende Statue eines jungen Dieners, die hinter ihm steht. Die Studenten im Halbkreis vor ihm werden langsam müde.

 

Der Guide namens Guido tut es nicht offensichtlich, aber indirekt macht er sich über jene Museumsbesucher lustig, die mit vor den Lippen angewinkeltem Zeigefinger ihre Blicke um den altertümlichen Tabletthalter kreisen lassen. Der wenige Meter weit entfernte Kopf der Nofretete quittiert dies mit einem kaum merklichen, süffisanten Lächeln. Wäre selbiges nicht aus Stein, müsste es der vom Massentourismus verwöhnten Statue bei näherer Betrachtung bald vergehen. Da sie wie der stumme Diener in ihrem Blickfeld ebenfalls in der Antike gefertigt wurde, ist auch sie keine Kunst.

 

Im Pergamonmuseum, kaum einen Steinwurf entfernt, ist Kunst ebenfalls nicht zu finden. Stattdessen der Pergamonaltar mit seinen bildreichen Friesen, das Markttor von Milet, mehrere bunte Bodenmosaike – alles sehr pragmatisch.


Funktionalität sei das Stichwort bei der Betrachtung altertümlicher NichtKunst. Schließlich gehe es bei Statuen und Bauwerken samt Zierrat um Repräsentation, Machtdemonstration und Glaube, so der Guide/o im Neuen Museum.

 

Der kleine Tablettträger wurde nur zum Halten von Speis und Trank gefertigt – nicht mehr und nicht weniger. Der Kopf der schönen Pharaonin ist ebenfalls nicht aus Stein geschlagen worden, um dekorativ in einem Palast, in einem Grabmal oder unter einem Glaskasten zu stehen. Er sollte der Seele der verstorbenen Herrscherin physischen Raum bieten.


Kunst ist das nicht. Das heißt: Zumindest dann nicht, wenn dem Erbauer die alleinige Hoheit über Deutung und Bedeutung zugesprochen wird. Der Betrachter muss sich in diesem Falle leider mit Passivität begnügen.