Wie Kleist und Goethe doch noch Freunde werden

Heinrich von Kleist: Die Familie Schroffenstein

Inszenierung von Antú Romero Nunes am 11.01.2012 im Maxim Gorki Theater Berlin

       

Kleist ist tot. Doch war er im letzten Jahr so lebendig wie lange nicht mehr. Am 21. November 1811 stirbt der deutsche Literat – 200 Jahre später huldigt die deutsche Nachwelt seiner durch Festivitäten und einer Reihe von Aufführungen. So erwachen auch jene seiner Stücke wieder zum Leben, die zu seinen Lebzeiten weniger Aufmerksamkeit erfahren haben – Die Familie Schroffenstein gehört dazu. 1803 erscheint es anonym und passt so gar nicht in die deutsche, klassizistisch geprägte Kulturwelt, die Goethe und Schiller bestimmen. Auf der Bühne feiert es nur mäßigen Erfolg.

 

Am 19. November 2011 feiert das Werk in der Inszenierung von Antú Romero Nunes im Rahmen des Kleistfestivals am Maxim Gorki Theater in Berlin Premiere; auch im Folgejahr steht das Stück am 11. Januar noch auf dem Programm. Dabei ist es passend, dass dieser literarische Nachlass Kleists gerade Berlin kreuzt, jener Stadt, in der er mit einem Revolver zunächst dem Leben der ihm nahestehenden Henriette Vogel und danach seinem eigenen ein jähes Ende setzte. Durch Aufführungen wie dieser von Nunes schaffen es die Stadt und das Theater, nicht nur als Erinnerungsträger einer verstorbenen Persönlichkeit zu fungieren, sondern ihrem kulturellen Denkmal auch mehrere hundert Jahre nach seinem Tod wieder Leben einzuhauchen. Es ist eine schöne Fügung, dass mit Familie Schroffenstein Kleists Erstlingswerk aufgeführt wird – damals stellt es Geburtsstunde, heute Reinkarnation eines Künstlers dar. Die Kraft, die das Werk eines Literaten besitzt, seinen Erschaffer weiterleben zu lassen, ist am Berliner Ensemble seit jeher erkennbar, sie findet aber auch für Kleist an diesem Abend im Maxim Gorcki Theater Beachtung. Brecht hilft dabei.

 

Schluss mit Illusion und Magie. Brecht will das Theater neu erfinden – den Zuschauer nicht zum Mitfühlen, sondern zum Erkennen führen. Die epischen Elemente bei Brecht sind dabei gar nicht so weit weg von Kleist, der die Mauerschau als dramaturgisches Moment in seine Stücke einbaut. Wie sonst könnte man von Archilles‘ brutaler Zerfleischung durch die Penthesilea berichten? Dass man Kleist auf ein Brechtsches Theater ausweiten kann, zeigt Nunes in seiner Version der Familie Schroffenstein.

 

Das Stück vor dem Stück beginnt mit den hell erleuchteten Sitzreihen, die zur ersten Bühne der Inszenierung werden. Bekleidet mit Kronen und Kettenhemden wandert der musternde Blick der im Dunkeln stehenden Schauspieler durch den Zuschauersaal. Streng genommen ist dies das Stück vor dem Stück vor dem Stück. Denn was dann zunächst folgt, ist kein Schauspiel, sondern die minutiöse Beschreibung des Erbstreits der beiden Häuser Rossitz und Warwand aus der Familie Schroffenstein durch die Schauspieler: Um die Auslegung eines Erbvertrags wird seit Jahren gestritten, die Todesfälle zweier Kinder aus beiden Häusern verschärfen die Situation weiterhin, die durch beidseitige Anschuldigungen geprägt ist. Der Hass steht seit jeher im Raum, genauso wie die Schauspieler seit jeher auf dieser Bühne zu stehen scheinen. Nunes benutzt einen Rahmen, der Distanz schafft.

 

Die Drehbühne ist kahl und genau deswegen genial. Einzig ein großer schwarzer Vorhang steht für die fünf Schauspieler, die allesamt in mehrere Rollen schlüpfen, auf ihr. Ortswechsel werden dadurch markiert, dass der Vorhang in verschiedenen Farben angestrahlt wird (rote und weiße Leuchter trennen die Welt der beiden Häuser). Keine Dekoration, nur Angedeutetes – ganz nach Brecht’scher Manier.

 

Dann wird die Bühne hell und die Sitzreihen dunkel: Graf Ruppert aus Rossitz will Vergeltung am Hause Warwand – er sehnt sich nach Blutrache. Das Schauspiel changiert von Beginn an zwischen authentischen Aussagen und einer Theatralik, die Sätze in Onomatopoesie und die Mimik in Grimassen umschlagen lässt. Als Sylvius, Graf von Schroffenstein, von den Mordgelüsten seines Feindes erfährt, macht Nunes Gebrauch von einem Inszenierungsmittel, das nur selten funktioniert: Sylvius zieht sich nackt aus. Ist er fernab von Krone und Macht bis auf die Knochen erschrocken? Oder liest es sich doch besser mit Brecht? Weil die Zuschauer über den Nackten staunen und lachen, werden sie desillusioniert. Er ist nicht Graf, er ist Klamauk und Nunes hat alles richtig gemacht.

 

Das Stück kommt natürlich nicht ohne Liebe aus: Ottokar aus Rossitz und Agnes aus Warwand verlieben sich ineinander und erinnern dabei an Shakespeare. An einem neutralen Ort – einer Höhle, die den Vorhang grün scheinen lässt – treffen sie sich heimlich und sind sich der Unmöglichkeit ihrer Liebe bewusst. Ein gezündetes Feuer weckt im Zuschauer den olfaktorischen Reiz. Riecht es nach Gefahr? Die Handlung treibt unaufhaltsam auf ein tödliches Ende zu (zwischendurch gerät das Buhlen von Ottokars Halbbruder Johann, der ebenfalls in Agnes verliebt ist, zu ausführlich zu werden, weil es irrelevant für die Handlung ist). Immer wieder fällt in den Aussagen der Protagonisten eine anstrengende Redundanz und Überkarikierung auf. Manchmal ist es ein ‚Bla, Bla‘ zu viel, manchmal ist die Grimasse einfach überzogen. Gerade in den Momenten, in denen man sich von der Sprache Kleists in den Bann ziehen lassen möchte, kommt Nunes dem damit zuvor. Dieses antiaristotelische Konzept spitzt der Regisseur dann zu, wenn er seine Schauspieler auch die Regieanweisungen sprechen lässt.

 

Ottokar und Agnes schmieden indes einen Plan, der Versöhnung schaffen soll. In dieser Schlüsselszene findet Nunes erneut den richtigen Umgang mit einem riskanten Darstellungselement: Männer in Frauenkleidern. Beide wechseln Kleid gegen Kettenhemd und wollen ihre Eltern verkleidet besänftigen und für ihre Liebe sensibilisieren. Dass Nunes es wieder (mit Erfolg) riskiert, dass über Ottokars Auftreten gelacht wird, zeigt seine intelligent eingesetzte Desillusionierung durch die Präsenz des Lächerlichen. Im nächsten Moment liegen beide tot auf der sich drehenden Bühne, erdolcht von ihren eigenen Vätern. (Ottokar und Agnes ab.)


Am Ende gewinnt dann das Schweigen über das Geschrei. Der Vorhang der Bühne ist offen und in der Mitte nun durch einen Spiegel optisch geteilt: Beiden Häusern wird das Unglück direkt ersichtlich und mit einem Mal steht der Hass alleine da. Diesen Moment der Erkenntnis wollen sogar die toten Liebenden nicht verpassen und richten sich auf, um ihre Familien zu beobachten. Das Geschrei, das nicht ohne popmoderne ‚Yes, we can!‘-Rufe ausgekommen ist, verstummt nun endgültig.

 

Goethe mochte Kleist bekanntermaßen nicht. Er lehnt die Penthesilea, um deren Inszenierung Kleist ihn auf den Knien seines Herzens bittet, mit der Begründung ab, dass Kleist nicht zeitgemäß schreibe. Kleist ist nicht Winckelmann, sondern zu avantgardistisch. Würde Goethe nun aber die ohrenbetäubende Stille auf der Bühne mitansehen können, so würde er Kleist beipflichten: Der Worte sind genug gewechselt. Beide sind endlich mal einer Meinung. Und Kleist lebt.

 


Mehr Infos: Homepage Maxim Gorki Theater Berlin