Von der Quadratur der Mahnkultur

 

Der Garten des Exils, das Holocaust-Denkmal sowie das Mahnmal für die verfolgten Homosexuellen im Nationalsozialismus - in Berlin gibt es gleich drei Entwürfe, die sich in einem Punkt ähnlich zu sein scheinen. Sie folgen einfachen geometrischen Formen. Sie sind quadratisch oder rechteckig, Klötze verschiedener Größen und Grautönen. Aber neben ihrer Form gibt es noch mehr Gemeinsamkeiten.

 

Sie alle standen im Mittelpunkt hitziger Diskussionen. Dem Architekten Peter Eisenman warf man Ideenarmut vor, Eintönigkeit sei das primäre Charakteristikum seiner quaderförmigen Stelen. Schlimmer noch, es kamen Plagiatsvorwürfe auf: Daniel Libeskind, der Architekt des Jüdischen Museums und somit auch Erschaffer des Garten des Exils, verwies auf die nicht abzustreitende Ähnlichkeit der Konzepte. Der Streit wurde beigelegt, die Verwirrung bleibt. Libeskinds Entwurf besteht aus 49 Stelen, bei Eisenman sind es 2711.

 

Bei einem ersten Vergleich der Werke kommt das Gefühl eines Déjà-vu auf, der Garten des Exils wirkt wie ein Miniaturmodell, aus dem das eigentliche Kunstwerk erst entsteht. Durchschreitet man die Konzeptionen jedoch, dann wird einem der Unterschied mit einem Mal bewusst. Die Anlage des Gartens von Libeskind ist um zwölf Grad geneigt, die Orientierung fällt schwer, Schwindelgefühle nehmen überhand.

 

Beim Gang durch das Holocaust-Mahnmal hingegen bestimmt Einsamkeit und Kälte die Gedanken. Die Stelen werden zur Mitte hin immer höher, Beklemmungsgefühle kommen auf. Während Libeskind darauf abzielt, dem Besucher zu zeigen, wie sich die aus Deutschland vertriebenen Emigranten im Exil fühlten, gibt es bei Eisenmans Werk keine so klare Deutung. Klar ist, dass sein Mahnmal den ermordeten Juden im Holocaust gewidmet ist. Und, dass das Leiden, welches sie durchleben mussten, nicht mit einer Inschrift oder einem gewöhnlichen Denkmal abgehandelt werden soll. Interaktivität findet statt, der Besucher soll nicht nur sehen, sondern auch fühlen. 

 

Darum geht es, wenn auch auf eine andere Weise, auch beim Mahnmal für die verfolgten Homosexuellen im Nationalsozialismus. Der Entwurf des Künstlerduos Elmgreen und Dragset ist ein 3,60 Meter hoher und 1,90 Meter breiter Kubus. Sein Charakteristikum ist, wie auch bei den zuvor beschriebenen Kunstwerken, das Graue und Klotzartige. Inmitten der Grünanlage des Tierparks und gegenüber vom großflächigen Holocaust-Mahnmal macht er einen recht verlorenen Eindruck.

 

Zwei Mahnmäler, gedenkend verschiedener Opfergruppen in derselben Zeit. Vorne ist ein kleines Fenster eingelassen, durch welches, wenn man einen Blick hineinwirft, zwei sich küssende Männer in einer Endlos-Videoschleife beobachtet. Das Künstlerduo will provozieren, es stellt eine Nähe her, die einem unangenehm wird. Einen Kuss, der so intim, so persönlich ist und den Zuschauer in die Rolle des Voyeurs drängt. In einer Zeit, in der homosexuellen Paaren scheinbare Gleichberechtigung widerfährt.

 

Deren Alltag aber noch immer von irritierten Blicken und teilweise auch Gewalt begleitet wird. Elmgreen und Dragset wollen Gefühle wecken, der Zuschauer soll nicht nur zusehen, er soll sich mit dem Thema auseinandersetzen. Auch dieses Mahnmal stand in der Kritik. Es schließe homosexuelle Frauen aus, der Standort sei keine gute Wahl und die Eröffnung fand mit politischem B-Personal statt. Doch was ist nun dran an der Quadratur der Mahnkultur? 

 

Alle drei Konzepte sind auf Irritation ausgelegt. Der Garten des Exils durch seinen geneigten Boden, das Holocaust-Mahnmal mit den konsequent in die Höhe wachsenden Stelen und das Mahnmal für die homosexuellen Opfer in der NS-Zeit macht aus dem Zuschauer einen unliebsamen Voyeur. 

 

Solche Denkmäler brauchen Ecken und Kanten, geschnörkelte Ästhetik wäre hier fehl am Platz. Sie brauchen sie, damit sich der Besucher an Ihnen stoßen kann. Vor denen er vielleicht sogar zurückschreckt, um dann aus ihnen zu lernen. Vielleicht braucht Berlin ja sogar noch viel mehr solcher Klötze.

 


Mehr Infos: Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas