Was ist eigentlich „echt“? Von der Problematik der Originalität.

Im Rahmen der Exkursion nach Berlin haben wir Gedenkstätten und Museen besucht, die uns die Nähe zu Räumen, Kunstwerken und Ereignissen gewährten, deren Entstehung, Zweck oder Aktualität in einer längst vergangenen Zeit liegen. Sie wurden erhalten und/oder rekonstruiert, um uns das Gefühl zu vermitteln, ein Stück Geschichte hautnah zu erleben, vielleicht sogar für einen kurzen Augenblick ein Teil von ihr zu werden. Ob nun die Gebrauchsgegenstände im Brecht-Weigel-Haus, die Büste der Nofretete, die Grundmauern des Neuen Museums oder die Bruchstücke des Pergamon-Fries – sie alle genießen das Prestige des Originals und locken jährlich tausende von neugierigen Besuchern an.

 

Doch was, wenn die Nofretete-Büste im Neuen Museum gar nicht echt wäre? Was, wenn uns nach der Besichtigung des atmosphärischen Brecht-Weigel-Hauses mitgeteilt worden wäre, dass Helene Weigel das gesamte Inventar nach dem Tod ihres berühmten Mannes eigentlich bereits verkauft hätte? Dass die Gedenkstätte bloß eine realitätsgetreue Rekonstruktion mittels Requisiten vom Flohmarkt ist? Wir wären vermutlich entrüstet gewesen über den dreisten Betrug und hätten unser Eintrittsgeld zurückverlangt.

 

Aber wer bestimmt eigentlich, was ein Original ist? Das Alter von Gegenständen kann man mittels aufwendiger Laboruntersuchungen bestimmen. Aber wer versichert uns, dass die Büste der Nofretete selbst nicht schon eine Kopie ist, von einem noch älteren und wertvolleren Original, das nie gefunden wurde?

 

Dirk von Gehlen, der Redaktionsleiter des jungen Portals der Süddeutschen Zeitung, hat sich unter anderem diesem Phänomen in seinem 2011 im Suhrkamp Verlag erschienen Buch Mashup – Lob der Kopie gewidmet. In seinem „Plädoyer für einen neuen Begriff des Originals“ behauptet er, dass ein Original von uns nur als solches erkannt wird, weil andere es dafür halten und ihm den Wert der Originalität zuschreiben: „Original und Kopie sind nichts objektiv Gegebenes, keine Naturzustände, sondern sie werden durch die Rezeption bestimmt.“[1] Er veranschaulicht diese These anhand eines Skandals, der sich 2007 im Rahmen der Ausstellung 2200 Jahre alter chinesischer Terrakotta-Kriegerfiguren aus Xis im Hamburger Völkerkundemuseum zugetragen hat. Einige Monate nach Eröffnung der Ausstellung stellte sich heraus, dass die chinesischen Behörden eine Auslieferung der besagten Tonsoldaten nach Deutschland nie genehmigt hatten und dementsprechend auch keine dort angekommen sein konnten. Ein fatales Kommunikationsproblem und geschickter Betrug durch Dritte wurde festgestellt. Journalisten fragten die getäuschten Museumsbesucher anschließend nach einer Stellungnahme, die sich in vielen Fällen auf ein gleichgültiges „wir haben den Unterschied ja doch nicht bemerkt“ belief.

 

Woher diese Toleranz? Laut Dirk von Gehlen wäre dieses Verständnis darauf zurückzuführen, dass Kopien mittlerweile so tief in unserer Kultur und unserem Leben verankert sind, dass wir uns nicht mehr darüber empören, sofern sich nicht jemand bewusst die Urheberschaft am Werk eines anderen anmaßt – so wie es etwa Helene Hegemann und Theodor zu Guttenberg getan haben. Und da die Besucher keinen gezielten Betrugsversuch seitens des Museums (in diesem Fall der Begünstigte) erkennen konnten, da es allem Anschein nach selbst getäuscht wurde, war kein direkter Sündenbock auszumachen, abgesehen von den Fälschern selbst.

 

Von Gehlen unterscheidet zudem zwei Aspekte der Kopie: Erstens, das reine Vervielfältigen von Vorlagen (was zu einem Vorrat, Überfluss führt siehe lat. copia): Dieser Bereich steht angesichts der Digitalisierung vor grundlegenden Veränderungen. Zweitens, können Kopien als Träger einer kreativen Referenzkultur fungieren: In dem Fall ist Kopieren eine Technik der Bezugnahme, des Zitats und der Adaption, „die schon immer Grundlage unseres Kulturverständnisses war.“[2] Nimmt man die Praktiken von Pop-Art-Künstlern wie Andy Warhol als Beispiel, die ihre Kunstwerke erschufen, indem sie Magazine zerrissen, Markenrechtlich geschützte Embleme und Figuren reproduzierten oder bekannte Bilder übermalten, so zeigt sich, dass die Kopie sogar eine Voraussetzung für Kunst sein kann. Von Gehlen schlussfolgert, dass die Kopie heutzutage völlig zu unrecht mit einem negativen Ruf zu kämpfen hat, und es durchaus etwas wie eine „lobenswerte Kopie“ gibt, sofern drei grundlegende Kriterien erfüllt sind:

Wenn erstens die Quellen und Bezüge offengelegt und nicht verschleiert werden, wenn zweitens das Zitat in einen neuen Kontext gestellt oder in seiner Form verändert wird und wenn drittens - und das ist das wichtigste Kriterium - durch die Kopie ein neues Werk geschaffen wird.[3]


Das letzte Kriterium entwickelt von Gehlen in seiner Theorie bis hin zu der Erkenntnis, dass es ohne Kopie oftmals gar kein Original geben kann, so wie es etwa bei Fotografien der Fall ist. Wenn wir uns zum Beispiel die Mona Lisa in der Google-Bildersuche anschauen, dann sehen wir das gleiche Bild wie die Besucher im Museum, aber kein Internetnutzer würde auf die Idee kommen, zu behaupten, er habe die Mona Lisa „gesehen“. Er hat nämlich ein ganz neues, eigenes Original gesehen: ein digitalisiertes Bild der Mona Lisa.

 

Deutlicher wird dieser Sachverhalt, wenn man ihn auf das Pergamon-Panorama überträgt. Die 360°- Simulation der Metropole ist ein eigenständiges Kunstwerk, das sich an das antike Original anlehnt. Gäbe es diese Simulation nicht, dann bliebe uns der Blick auf das längst verschwundene Pergamon für immer verwehrt, deshalb: Ohne Kopie kein Original.

Die Kopie ist laut von Gehlen immer auch eine Auseinandersetzung mit etwas. Man sieht etwas, kopiert es in seinen Kopf, verarbeitet es weiter und so entsteht etwas Neues, eine neue Version, zum Beispiel eine 360°-Panoramasimulation einer antiken Stadt. „Das ist der ganz normale Prozess der Inspiration. Und wenn der Mensch die Kopiermaschine ist, dann gibt es keine duplizierten Originale, sondern Variationen. [...] Vielleicht entsteht Originalität ja in der Variation der eigenen Versionen“[4], schreibt er in Lob der Kopie.


Besonders interessant wird diese These, wenn man sie auf die Idee hinter Roland Albrechts Museum der unerhörten Dinge bezieht. Albrecht stellt auf engstem Raum mehr oder weniger alltägliche Gegenstände aus und „schreibt“ ihnen eine besondere Bedeutung zu, die man auf beiliegenden Infoblättern erfährt. Welche Aspekte der Geschichten auf wahren Begebenheiten beruhen, bleibt stets unklar, genauso wie ein glaubwürdiger Beweis für die Echtheit der Objekte fehlt. Den aus wissenschaftlicher Perspektive notwendigen Quellennachweis „fälscht“ Albrecht bewusst, indem er auf Werke mit geradezu absurden Titeln verweist, die angeblich von Wissenschaftlern mit noch absurderen Forschungsfeldern und Namen verfasst wurden. Er spielt also geradezu mit unserer Vorstellung von „Originalität“ und parodiert die Institution Museum als solche. Zum Beispiel stellt er Stücke von Walter Benjamins Schreibmaschine aus, auf der dieser sein Essay Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit geschrieben haben soll, doch jeder objektive Beweis dafür fehlt, auch wenn er im Infoblatt vermerkt, wo er die Stücke gefunden hat und wieso sie angeblich niemand anders als Walter Benjamin gehört haben können. Er beruft sich vermehrt auf Augenzeugen und Gerüchte, was den wissenschaftlichen Betrachter oftmals bereits stutzig werden lässt, ganz zu schweigen von der fantastischen Anmutung so mancher Geschichte. Albrecht, der behauptet, die Dinge würden ihm ihre Geschichte erzählen und er wäre nur das Medium, welches ihnen zur Erhörung verhilft, scheint demnach im Prozess der Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Objekt bewusst Bedeutung zu plagieren. Somit wird aus jedem beliebigen Objekt ein Original – DAS Original, mit DER Geschichte.


Und hier findet sich die Stelle, an der man von Gehlens Theorie anknüpfen kann: Ein Original bzw. eine Kopie ist nichts objektiv Gegebenes, kein Naturzustand, sondern alleine durch die Rezeption bestimmt. So könnte man im Bezug auf Roland Albrecht nun denken, dass er einfach beliebig austauschbare und ersetzbare Objekte mittels erfundenen Geschichten zu Kunst deklariert – also nicht besonders originell ist, da jedes Kind Geschichten zu seinen Spielfiguren erfindet – oder man erkennt eine geniale Originalität in seiner Vorgehensweise, quasi beliebige Objekte durch eine eigene Version der Verwendung und Darstellung zu Originalen zu machen.


Dirk von Gehlens Ansatz, sich nicht mehr zu fragen „War der Schöpfer ein Genie oder nicht?“, sondern „Wie originell ist die Schöpfung?“ wäre in diesem Zusammenhang deshalb sicherlich sinnvoll. Seiner Meinung nach ist es heute insbesondere im Hinblick auf die Möglichkeiten der Digitalen Revolution nicht mehr angebracht, über eine klare Trennung zwischen Original und Kopie zu streiten, da der Übergang ein fließender geworden ist, den man nur mit einer skalierten Betrachtung zu fassen bekommt.[5] Es sollen keine Schwarz-Weiß-Entscheidungen mehr zu treffen versucht werden, sondern Kunstwerke sind mittels eines Systems von Abstufungen zu bewerten, das sich am Grad der Originalität orientiert:        



            stark                           Grad der Anlehnung an Quellen                         schwach
            ↓-------------------------------------------------------------------------------------------------↓

            = schwach                             neues Original“                                        = stark          

 

Diese Skala reicht aber noch nicht, um eine Bewertung zu formulieren. Des Weiteren soll berücksichtigt werden, wie kreativ der Übergang zu einem neuen Kontext ist und wie „originell“ die Bezugswelten sind.

 

Vielleicht ist es letzten Endes also doch nicht mehr ausschlaggebend, ob Albrecht Plastikfiguren aus dem Supermarkt in sein Museum gestellt hat, ob das Pergamon-Panorama genau dem Vorbild der antiken Metropole entspricht oder die Hinterlassenschaften von Brecht je von ihm angefasst wurden. Wichtig ist, was im Auge des Betrachters daraus wird.

 

 

 

Quelle:

Dirk von Gehlen: Mashup: Lob der Kopie. Berlin: edition Suhrkamp, 2011

 


[1]   Dirk von Gehlen: Mashup: Lob der Kopie. Berlin: edition Suhrkamp, 2011, S. 172.

[2]   Von Gehlen: Lob der Kopie, S. 19.

[3]   Ebd. S. 22f

[4]   Ebd. S. 164.

[5]   Vgl. Von Gehlen: Lob der Kopie, S. 168.