Warum müssen wir uns eigentlich erinnern?

Verschiedene Arten der Vergangenheitsbewältigung

 

Berlin - die Hauptstadt. Kulturelles Zentrum, Hipster-Hochburg, nach London und Paris gemeinsam mit Rom eines der beliebtesten Ziele des europäischen Städtetourismus. Heimat von Autoren, Designern, Musikern, Schauspielern und Sitz der Bundesregierung. Eine moderne Metropole mit multikulturellem Ambiente. Doch, sehr pathetisch ausgedrückt, atmet dieser Ort auch Geschichte. Eine große Museenlandschaft, viele historische Gebäude und einige Denk- bzw. Mahnmale, die den Finger erheben ob dessen, für das Berlin auch immer noch steht, was aus dem kulturellen Gedächtnis nicht gelöscht werden kann und auch nicht gelöscht werden soll. Die Elite des Nationalsozialismus versammelte sich in Berlin: Reichstag, SS-Hauptquartier, Reichssicherheitshauptamt und vieles mehr. Die Hauptstadt atmet also nicht nur den modernen und aufgeschlossenen Geist des einundzwanzigsten Jahrhunderts, sondern stößt auch die bittere Eruktation einer noch immer nicht verdauten Vergangenheit auf. Wollen wir uns eigentlich wirklich fortwährend an diese Ereignisse erinnern? Oder müssen wir es sogar? Die unbewusste Spontanreaktion der menschlichen Psyche ist es jedenfalls, Traumata direkt zu verdrängen. Sollte man sich auch bei diesem sensiblen Thema auf die menschlichen Instinkte verlassen?


Viele Jugendliche werden jedenfalls den Kopf schütteln, wenn ein ums andere Mal, in jedem Schuljahr wieder, der Nationalsozialismus, der Holocaust und der Zweite Weltkrieg in Geschichte auf dem Programm stehen. Schließlich wurden sogar die Eltern dieser Generationen erst lange nach 1945 geboren. Haben wir lange genug den Kopf in Demut geneigt?


Eine kürzlich durchgeführte Studie[1] hat ergeben, dass viele Deutsche, die 30 oder jünger sind, gar keine Assoziationen mehr zu Begriffen wie Auschwitz haben. Solche Erhebungen zeigen ganz deutlich, dass das Erinnern mehr denn je monumental wichtig ist. Denn solange es rechte Denkweisen und extremistische Gewaltbereitschaft gibt, sind Unwissende ein gefundenes Fressen. Denn bei wem würden Neonazis, die den Holocaust schönen oder gar ganz abstreiten, mehr Gehör finden als bei jungen Menschen, die tatsächlich keine Kenntnis über diese historischen Ereignisse haben? Die aktuellen Geschehnisse rund um die Zwickauer Terrorzelle und die viel zitierten Dönermorde zeigen, dass wir noch lange nicht an einem Zeitpunkt angekommen sind, der passend wäre um die Vergangenheit abzuhaken und in Vergessenheit geraten zu lassen. Kann so ein Punkt überhaupt jemals erreicht werden? Immer noch sind Ausländer, bzw. Deutsche mit Migrationshintergrund für viele das erste und leichteste Ziel, wenn die eigene Unzulänglichkeit oder schwierige sozio-ökonomische Zeiten und Verhältnisse die eigenen Lebensumstände nicht lebenswert erscheinen lassen.


Es ist also vielmehr so, dass größerer zeitlicher Abstand zu den furchtbaren Ereignissen nicht heißt, dass man diese langsam vergessen sollte, da gerade die immer weiter abnehmende persönliche Betroffenheit sehr dazu einlädt, die grausamen Taten zu verharmlosen. Mit jedem Tag, den wir uns weiter von unserer Schande entfernen, müssen wir uns dieser umso bewusster sein, um rechtem Gedankengut nie wieder den Einzug in die Führungsebenen unseres Landes zu gestatten.


Die Frage richtet sich also eher nach dem "wie" als nach dem "ob". Wie kann man die Vergangenheit auch für jüngere Generationen zugänglicher gestalten? Vielleicht ist das aus pädagogischer Perspektive oft gescholtene Medium Fernsehen einer von vielen Ansatzpunkten: Seit langer Zeit wird die Nazizeit bereits in Amerika humoristisch aufbereitet. In TV-Formaten wie The Simpsons[2][3] oder Family Guy[4][5] hatte Hitler bereits einige Auftritte. Seit einigen Jahren gibt es auch in Deutschland immer wieder Filme und Serien, in denen Hitler als kleiner, schwacher Mann hinter einer stets cholerisch brüllenden Fassade parodiert wird. Beispielsweise in der Stromberg-Parodie Obersalzberg[6] aus der Serie Switch Reloaded oder in Helge Schneiders Kinofilm Mein Führer. Diese Ausprägungen dienen sicherlich nicht als wissenschaftliche, bzw. historisch ernsthafte Beschäftigung mit dem Thema, regen aber allemal zu Nachforschungen an. Diese Art von Humor stößt natürlich auch auf Gegner, die ihn für geschmacklos halten. Man kann dagegenhalten, dass es sicherlich weder Hitler selbst gefallen hätte, noch dass es heutzutage rechten Bewegungen gefallen dürfte, dass der ideologische Führer nicht als großer Diktator, sondern als cholerische Witzfigur in der postmodernen Popkultur abgehandelt wird. Man muss hier das große Ganze sehen; sowohl die Vergegenwärtigung der historischen Fakten als auch die popkulturelle Aufbereitung und viele weitere Methoden fügen das Mosaik der Vergangenheitsbewältigung zusammen.


Als Deutscher im Jahr 2012 sollte man wieder stolz auf sein Land sein dürfen. Eine Wirtschaftsmacht im Herzen von Europa, die immer wieder großartige Sportler und Künstler hervorbringt und immer wieder eher Rettungsschirme aufspannt und Rettungsanker auswirft als unter diesen Schutz zu suchen oder sie aufzufangen, ist kein Grund, sich mit Bekundungen der Zuneigung zurückzuhalten. Zu unserer Verantwortung gehört es allerdings auch, unsere Geschichte nicht zu verdrängen, sondern uns stets daran zu erinnern, was einmal war und nie wieder sein darf. Unter anderem hilft uns dabei eine geschichtsträchtige Stadt wie Berlin, ein kulturelles Archiv.

 

 

 

 

[1] Zeit.de: "Holocaust - was soll das sein?". http://www.zeit.de/2000/33/Holocaust_-_was_soll_das_sein (18.02.2012)


[2] Youtube: "Itchy and Scratchy WW2 Adolf Hitler". http://www.youtube.com/watch?v=mGdo7D-gPXg (18.02.2012)


[3] Youtube: "Adolf bei den Simpsons". http://www.youtube.com/watch?v=P9zePZrcWbc

 (18.02.2012)


[4] Youtube: "family guy peter hitler". http://www.youtube.com/watch?v=L265KoA2gIw (18.02.2012)


[5] Youtube: "Family Guy Hitler at the Gym". http://www.youtube.com/watch?v=yTO6fAJf1GM (18.02.2012) 

 

[6] Youtube: "Switch Reloaded: Obersalzberg". http://www.youtube.com/watch?v=OlCIH8qE9Wc (18.02.2012)