Das Neue Museum zeigt sein vernarbtes Gesicht

Schlecht in Schuss - dieser Gedanke kann einem Besucher beim Betreten des Neuen Museums in Berlin schon einmal kommen. Abbröckelnder Putz, Unebenheiten in der Fassade, unverputzte Decken und offenkundige architektonische Stilmixe und damit auch Stilbrüche wirken auf den ersten Blick befremdlich für ein deutsches Museum - schließlich sind die Deutschen ja für ihre Ordnungsliebe und ihrem Hang zur Perfektion bekannt. Löcher in der Marmorsäule sollten da doch stören und sofort ausgebessert werden. Nicht aber im Neuen Museum: Dort hat jeder Riss im Mauerwerk, jede unverkleidete Wand Methode. Denn das Neue Museum lebt von seinen Narben und Verletzungen.


1843 bis 1855 von Friedrich August Stüler gebaut beherbergte das Neue Museum unter anderem die Ägyptische, Vaterländische und Ethnografische Sammlung, Sammlungen der Gipsabgüsse von Skulpturen der griechischen und römischen Antike, der byzantinischen Kunst, der Romanik, Gotik, Renaissance und des Klassizismus sowie das Kupferstichkabinett. 1939 wurde das Museum kriegsbedingt geschlossen und eine Vielzahl der Ausstellungsstücke ausgelagert und gesichert. Kurze Zeit später begannen die Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg. Nach englischen Brandbombenangriffen am 24. November 1943 brannte die Treppenhalle mit den Wandfresken zur Geschichte der Menschheit aus. Im Februar 1945 zerstörten Granatbomben den Nordwestflügel sowie den Übergang zum Alten Museum und beschädigten den Südwestflügel sowie den Südostrisalit. In der Schlacht um Berlin Ende April 1945 zwischen den verbliebenen Wehrmachts- und SS-Einheiten und den sowjetischen Streitkräften kam es zu weiteren Zerstörungen.[1] Der Museumsbau befand sich in ruinösem Zustand und wurde auch in der Nachkriegszeit nur notdürftig durch kleinere Baumaßnahmen zusammengehalten. Die Treppenhalle und auch andere Teile des Museums waren ohne Dach der Witterung, dem Verfall und der natürlichen Vegetation ausgesetzt. Bäume, Sträucher und Moose bahnten sich ihren Weg durch das zweitälteste Bauwerk der Museumsinsel. Erst 1986 wurde mit dem Wiederaufbau begonnen. Die DDR-Regierung hatte beschlossen, das Museum nach historischem Vorbild neu zu errichten. Dazu wurde teilweise vermeidbar, teilweise aber auch unvermeidbar, alte Bausubstanz abgetragen. Am 1. September 1989, 50 Jahre nach Kriegsbeginn, erfolgte die Grundsteinlegung. Die Rekonstruktion wurde nach der Wiedervereinigung jedoch beendet. Ein Architektenwettbewerb wurde ausgeschrieben. Als dieser keine Lösung hervorbrachte, entschied man sich 1997 für den englischen Architekten David Chipperfield, der gemeinsam mit dem britischen Restaurierungsarchitekten Julian Harrap das Museum zwischen 2003 und 2009 im Rahmen des Masterplans Museumsinsel für etwa 295 Millionen Euro restaurierte.


Rekonstruktion nach historischem Vorbild, bei dem der ursprüngliche Bau scheinbar wieder hergestellt wird oder Erhaltung der ursprünglichen Bausubstanz als handfestes Zeugnis der Geschichte. Diese Debatte wird seit dem 1857 veröffentlichtem Essay von John Ruskin "The Lamp of Memory" geführt. Darin kritisiert Ruskin den angeblich historisch getreuen Wiederaufbau von Gebäuden und bezeichnet die sogenannte Wiederherstellung als „Lüge“[2]. Es geht um die Frage, wie die tatsächlich historische Bausubstanz bewahrt werden kann und ab wann die Rekonstruktion ihre Bedeutung für die heutige Zeit stört oder sogar zerstört. Eine Antwort auf diese Frage bot 1905 Georg Dehio, der an der Universität Straßburg eine Vorlesung mit dem Titel "Denkmalschutz und Denkmalpflege im neunzehnten Jahrhundert" hielt und darin anmerkte: „Die Denkmalpflege will Bestehendes erhalten, die Restauration will Nichtbestehendes wiederherstellen“[3]. Sein Credo: „Konservieren, nicht restaurieren!“[4] wurde für die deutsche Denkmalpflege zum unumstößlichen Grundsatz. Auch in der Charta von Venedig wurde gefordert: „Der Wiederherstellungsprozess ist ein hoch spezialisiertes Unternehmen. Er hat zum Ziel, den historischen Wert eines Baudenkmals zu bewahren und zu offenbaren, beruht auf der Beachtung von Originalmaterialien und authentischen Unterlagen und muss da aufhören, wo die Mutmaßungen beginnen“[5]. Trotz dieser Empfehlungen ist der originalgetreue Wiederaufbau immer noch das Mittel der Wahl. David Chipperfield selbst ist der Meinung, dass für jedes Bauwerk individuell entschieden werden muss, welches Verfahren angewendet werden soll. So auch im Falle des Neuen Museums. Dabei sollte „weder imitiert noch entwertet werden, was vom stark beschädigten Gebäude übrig geblieben war - ein Piranesi´sches Gebilde aus Ziegelmauern und architektonischen Fragmenten“[6]. Für Chipperfield war der Erhalt dieser Fragmente das oberste Gebot. Sein Ziel war es, die ruinösen Elemente wieder zu einem architektonischen Ganzen zusammen zufügen. Seine Vorstellung steht damit im Einklang mit Julian Harraps Philosophie: „das Alte zu erhalten und mit dem Neuen zu einer spannenden Einheit werden zu lassen“[7]. Dazu mussten fehlende Gebäudeteile neu gebaut sowie die erhaltenen Elemente gesichert und restauriert werden. Das Konzept hatte jedoch nicht zum Ziel, die neuen Elemente nach altem Vorbild zu errichten, wie es der Plan der DDR vorsah: „Eine Rekonstruktion [...] hätte nämlich die Verdrängung, wenn nicht gar Zerstörung von Originalteilen erforderlich gemacht“[8]. Vielmehr sollte Alt und Neu deutlich auseinandergehalten werden können. Der scheinbare Kontrast sollte die architektonische Besonderheit beider Seiten hervorheben und „neu geschaffene Kontinuität“[9] zum Ausdruck bringen. Das Konzept der Kontinuität wurde durch schlichtes Neubauvolumen, unverputztes Ziegelmauerwerk und Fertigteilen aus Sichtbeton realisiert. Chipperfield war es wichtig, dass die neuen Elemente zwar eigene Präsenz entwickeln, dabei jedoch keine historischen Details imitieren. Das galt weniger für die Ausbesserung kleiner Lücken, als für die umfangreicheren Ergänzungen, wie sie unter anderem im Treppenaufgang augenscheinlich sind. Das Gebäude sollte seine Geschichte wieder spiegeln und erzählen, ohne zu vertuschen. So kommt es, dass das Neue Museum „nicht mehr so aussieht 'wie früher', sondern Zeugnis ablegt von seiner bewegten Geschichte“[10].


Chipperfields Konzept stieß jedoch auf Widerstand in der Berliner Bevölkerung. Zahlreiche Bewohner wünschten sich eine Rekonstruktion nach historischem Vorbild. In einem Volksbegehren wurde der Berliner Senat aufgefordert, die Unversehrtheit des Weltkulturerbes Berliner Museumsinsel strikt zu wahren und sicherzustellen, dass jede bauliche Weiterentwicklung in Form eines Neubaus auf der Museumsinsel unterbleibt. Mit Unverständnis begegneten die Kritiker dem Ansatz des Berliner Denkmalschutzes und der Bauträger, die Konservierung von Kriegs- und Verwitterungsschäden womöglich höher zu bewerten als die Wiederherstellung des Originalzustandes. Chipperfield nahm daraufhin kleine Änderungen in seinem Bauplan vor, wich jedoch nicht von seinem Vorhaben ab zu restaurieren aber nicht lückenlos zu rekonstruieren. Letztendlich ist ein Gebäude entstanden, „das - beinahe - ein Maximum beschädigter Substanz einbezogen, zugleich aber eine Fülle zeitgenössischer Detaillösungen ermöglicht hat“[11]. Das Neue Museum hebt sich damit von dem rekonstruierten Bodemuseum und der Alten Nationalgalerie ab. Die dort durchgeführten Sanierungs- und Restaurierungsamaßnahmen „verhinderten das für das Neue Museum so einzigartige Stillstehen der Zeit und damit das Einfrieren des Zerstörungszustandes bei Kriegsende 1945“[12]. In den beiden anderen Museen hat eine Überlagerung historischer Schichten stattgefunden und damit die architektonischen Kriegswunden vergessen gemacht.


Vergessen machen will das Neue Museum aber eben nicht. Das spiegelt sich auch in den Ausstellungsstücken: Die gezeigten Artefakte sind ebenso wie das Gebäude nicht perfekt restauriert, sondern zeugen von ihrer Vergangenheit: „Das Neue Museum wird zum Gegenbild des Ideals der Vollkommenheit abendländischer und neuzeitlicher Kunst, die in makellosen Museumsbauten neueren Datums zelebriert wird“[13]. So wird die fehlende Perfektion des Kalksteinkopfes der Nofretete mit ihrem Ausstellungsraum, dem bruchstückhaften Nordkuppelraum, in Beziehung gesetzt; ihre beiderseitige Zerbrechlichkeit und Geschichte damit betont und bezeugt.

 

[1]    Vgl. Schulz, Bernhard: David Chipperfield: Erhaltung, Restaurierung und Ergänzung. In: Wedel, Carola (Hrsg.): Das Neue Museum - Eine Ruine wird zum Juwel. Berlin: Jaron Verlag 2009, S. 37.

[2]    Chipperfield, David: Das Neue Museum - Architektonisches Konzept. In: Staatliche Museen zu Berlin (Hrsg.): Das neue Museum Berlin. Konservieren, Restaurieren, Weiterbauen im Welterbe. Berlin: E.A. Seemann Verlag 2009, S. 56.

[3]    Ebd.

[4]    Schulz 2009, S. 48.

[5]    Chipperfield 2009, S. 56.

[6]    Ebd.

[7]    Wedel, Carola: Von der schönsten Ruine Berlins zum Juwel der Museumsinsel. In: dies. (Hrsg.): Das Neue Museum - Eine Ruine wird zum Juwel. Berlin: Jaron Verlag 2009, S. 62.

[8]    Chipperfield 2009, S. 59.

[9]    Ebd.

[10]   Schulz 2009, S. 54.

[11]   Ebd. S. 37.

[12]   Ebd. S. 38.

[13]   Ebd. S. 55.