Erinnerung im urbanen Raum

Die ‚Geschichte’ von Orten

 

Spätestens seit dem spatial turn existiert eine neue Wahrnehmung von Raum in den Kultur- und Sozialwissenschaften. So wird Raum nun als ebenso bedeutend im Hinblick auf soziale Praktiken und Konzepte erachtet wie die zuvor privilegierte Kategorie der Zeit.1

Das Modell eines absoluten Raumes zurückweisend, das diesen als einen passiven, neutralen „Container“2 sozialer Aktion begreift, vertritt David Harvey ein relationales Raummodell, das die wechselseitige Beeinflussung von Raum und sozialem Prozess betont.3 Dies trifft natürlich auch auf den urbanen Raum zu:


We would abandon the view of the urban as simply a site or a container of social action in favour of the idea that it is, in itself, a set of conflictual heterogeneous processes which are producing spatio-temporalities as well as producing things, structures and permanencies in ways which constrain the nature of the social process.4

 

Nicht nur die Konstruktion des Raums durch soziale Praktiken, sondern im Umkehrschluss auch die Wirkung des Raums auf die handelnden Personen muss dabei berücksichtigt werden.5 Das soziale Handeln, das an einem bestimmten Ort stattfindet, verändert diesen also gleichzeitig, indem das Historische in den Raum eingeschrieben wird.6 Mit Henri Lefebvres Worten: „The past leaves its traces”7.

Die urbane Umgebung muss daher als ein Palimpsest verstanden werden, „a series of layers constituted and constructed at different historical moments all superimposed upon each other”8. Aufgrund ihrer komplexen Struktur, bestehend aus verschiedenen Schichten und Dimensionen, besitzt jede Stadt demnach eine einzigartige Identität.9 Mit jeder weiteren Ebene wird außerdem eine neue Bedeutung bzw. Erinnerung zu dieser Anhäufung von historischen Schichten hinzugefügt, wobei die darunter liegenden immer noch durchscheinen. Obwohl die Vergangenheit also im Raum aufbewahrt wird, verändert sich die Bedeutung eines Ortes ständig durch jede neu hinzukommende Schicht. Folglich ist Raum immer “a presentspace, given as an immediate whole, complete with its associations and connections in their actuality”10. Jeder Ort beinhaltet dementsprechend eine bestimmte historische und auch aktuelle Bedeutung. Die Frage ist nun, wie diese durch den Betrachter wahrgenommen werden können. Dieter Hassenpflug, Nico Giersig und Bernhard Stratmann verstehen urbane Räume in diesem Sinne als „systems of signs which are charged with [not only historical, but] varied social and cultural meanings which can be accessed and interpreted”11. Die Stadt kann somit gelesen werden,12 doch sie kann nur im Hinblick auf ihren historischen, sozialen, kulturellen und politischen Kontext auch entschlüsselt werden.13 Daher müssen die Relationalität und die Historizität von Orten beachtet werden, um diese bedeutungsvoll interpretieren zu können. 

Als eine Methode für das Lesen von städtischen Räumen schlägt Hassenpflug Walter Benjamins Technik der Superposition vor, die sich auf die „ability to remember the new“14 bezieht. Folglich verweist sie auf die Vergangenheit, die im urbanen Raum bewahrt wird, und legt nahe, städtische Elemente als „elements of a spatialised memory“15 zu verstehen.16 Superposition meint also, etwas als ein Palimpsest zu betrachten und zu versuchen, dessen historische Schichten herauszulesen. Somit gilt es, die ‚Geschichte’ zu erfassen, die in Orten konserviert ist: 

 

In order to be able to assign sense in a meaningful, non-extrinsic and non-projective way, we need to take possession of history which has always been inscribed in animate and inanimate things.17

 

Erinnerungsorte

 

Erinnerungsorte sind laut Aleida Assmann authentische Orte, die Erinnerung mehr anregen, als es ein Bericht über das historische Ereignis jemals könnte:18

 

Die Erinnerung scheint an den Orten zu haften, an denen sich etwas zugetragen hat, aber natürlich ist die Erinnerung keine Eigenschaft des Ortes, sondern eine Bewusstseinsleistung dessen, der den Ort besucht hat.19

 

Ähnlich beschreibt Kevin Lynch „imageability“20 als die „quality in a physical object which gives it a high probability of evoking a strong image in any given observer“21. Dies trifft auch auf urbane Elemente zu. Jeder Bürger schafft sich also seine eigene Vorstellung bzw. sein eigenes Imageeiner Stadt, das getränkt ist von Erinnerungen und Bedeutungen.22 Er liest die Stadt daher im Sinne von Hassenpflug, indem er ihre Bedeutungen mithilfe der verschiedenen Kontexte entschlüsselt. Hassenpflug erklärt außerdem, dass der Rezipient dem empfangenen Signal selbst eine Bedeutung zuschreiben muss, damit dieses überhaupt erst in eine bedeutsame Nachricht umgewandelt werden kann.23 Somit ist der Rezpient „partly involved in the construction of messages”24. Wie Assmann betont Hassenpflug folglich die Anstrengung des Bewusstseins auf Seiten des Beobachters, wohingegen der Ort selbst nur ein Signal sendet. 

Im Gegensatz zu anderen Orten, die verschiedene Bedeutungen initiieren, rufen Erinnerungsorte nur oder hauptsächlich Erinnerung, also ihre historische Bedeutung, im Besucher hervor. Nach Assmann stehen einige Orte dabei nur für ein einziges Ereignis, während an anderen Orten verschiedene Ereignisse übereinander gelagert sind. Ähnlich wie Harvey definiert sie letztere als Palimpseste.25 Diese Orte sind also schon in sich selbst mehrdeutig, zudem werden die verschiedenen Perspektiven des Beobachters noch zu diesen zahlreichen Bedeutungen hinzugefügt:

 

[Die] diachrone Vieldeutigkeit [der mehrschichtigen Orte], die sich aus den unterschiedlichen Nutzungen ergibt, kreuzt sich mit der synchronen, die aus den unterschiedlichen Perspektiven der Besucher erfolgt.26

 

Benjamins Technik der Superposition wäre hier demnach nützlich. 

Assmann unterscheidet außerdem zwischen Generationenorten und Gedenkorten.27 Während Generationenorte mit einer kontinuierlichen Generationenkette verbunden sind, sind Gedenkorte zunächst von ihrer Vergangenheit getrennt.28 Ihre Historie muss daher erst durch eine Erzählung bewusst gemacht werden:

 

Die Bedeutung des Ortes erschließt sich nur durch eine zusätzliche Überlieferung, und sie wird durch die jeweilige Erzählung nach den Bedürfnissen der Gegenwart aktualisiert.29

 

Diese Erzählungen sind somit an die Gegenwart angepasst, was Gedenkorte zu gegenwärtigen Räumen im Sinne Lefebvres macht. Beispiele für solche Erzählungen oder Überlieferungen im urbanen Raum sind die so genannten Stolpersteine, Gedenktafeln aus Messing, die in die Bürgersteige in verschiedenen deutschen Städten eingelassen sind. Ihre Inschrift enthält die Namen und biographischen Daten von früheren Bewohnern der jeweiligen Orte, die Opfer des Naziregimes geworden waren.30 Fußgänger sollen dabei über die Bedeutung dieser Orte, die andernfalls unbekannt geblieben wäre, ‚stolpern’. Ohne die Stolpersteine wären diese Orte somit keine Erinnerungsorte. Extreme Beispiele für Gedenkorte sind zudem traumatische Orte wie Auschwitz.31 Allerdings laufen Erinnerungsorte, die in Gedächtnisstätten oder Museen verwandelt werden, Gefahr, den ursprünglichen Ort zu überschreiben:32

 

Die Konservierung dieser Orte im Interesse der Authentizität bedeutet unweigerlich einen Verlust an Authentizität. Indem der Ort bewahrt wird, wird er bereits verdeckt und ersetzt.33

 

Deshalb darf der Gedenkort nicht mit dem historischen Ort verwechselt werden.34

Erinnerungsorte können somit als ausschließlich solche Orte definiert werden, die wichtige oder relevante historische Ereignisse für eine gesamte Gruppe enthalten. Deshalb sind sie Träger des kollektiven Gedächtnisses, sei es nun auf einer globalen, nationalen oder lokalen Ebene. Jeder beliebige Ort kann also die Grundlage für ein individuelles Imageim Sinne Lynchs sein, das im Betrachter seine eigenen Erfahrungen und Assoziationen mit diesem Ort hervorruft, wohingegen Erinnerungsorte nicht (nur) individuelle, sondern vor allem kollektive Erinnerungen auslösen. Sie sind daher geeignet, um Gruppen- bzw. öffentliche Images(„the overlap of many individual images”35) aufrechtzuerhalten.

Auf regionaler Ebene erkennt Sören Philipps hier die „Stadt als Erinnerungsraum“36. Dabei identifiziert er Denkmäler und Straßennamen als Beweis für frühere Gruppenerinnerungen.37 Sie waren aufgestellt worden, um ein bestimmtes öffentliches Imagezu etablieren:

 

Sowohl Denkmäler als auch Straßennamen sind Zeugen des bewussten Versuchs, bestimmte Vergangenheitsvorstellungen in ein […] kollektives Gedächtnis zu überführen – sie gehen also auf eine dezidierte Erinnerungspolitikzurück.38

 

Erinnerungsorte können somit für politische oder andere Zwecke in Städten oder ganzen Nationen instrumentalisiert werden und müssen daher stets kritisch und reflektiert betrachtet werden.

 

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Quellen:

Assmann, Aleida: Erinnerungsräume: Formen und Wandlungen des kulturellen Gedächtnisses. C.H. Beck. München 1999.

 

Günzel, Stephan (Hg.): Raum. Ein interdisziplinäres Handbuch. Verlag J.B. Metzler. Stuttgart, Weimar 2010.

 

Harvey, David: Contested Cities: Social Process and Spatial Form. In: LeGates, Richard T.; Stout, Frederic (Hg.): The City Reader. Routledge. New York 2000.

 

Hassenpflug, Dieter: Once again: Can Urban Space be read? In: Hassenpflug, Dieter; Giersig, Nico; Stratmann, Bernhard (Hg.): Reading the City: Developing Urban Hermeneutics.Bauhaus-Universität. Weimar 2011.

 

Hassenpflug,Dieter; Giersig, Nico; Stratmann, Bernhard: Challenges for Urban Hermeneutics in the 21stCentury. In: Hassenpflug, Dieter; Giersig, Nico; Stratmann, Bernhard (Hg.):Reading the City: Developing Urban Hermeneutics.Bauhaus-Universität. Weimar 2011.

 

Historischer Verein Essen: Stolpersteine. (2005) URL: http://www.hv-essen.de/

stolpersteine.html [Stand: 07.02.2012].

 

Lefebvre,Henri: Plan of the Present Work. In: Miles, Malcolm; Hall, Tim; Borden, Iain (Hg.): The City Cultures Reader. Routledge. London 2004.

 

Lynch, Kevin: The Image of the City.In: Loewenstein, Louis K. (Hg.): Urban Studies: An Introductory Reader. The Free Press. New York 1977.

 

Robbe, Tilmann: Historische Forschung und Geschichtsvermittlung: Erinnerungsorte in der deutschsprachigen Geschichtswissenschaft. V&R unipress. Göttingen 2009.

 

1 Vgl. Stephan Günzel (Hg.): Raum. Ein interdisziplinäres Handbuch. Verlag J.B. Metzler. Stuttgart, Weimar 2010. S.90.

2 Ebd.

3 Vgl. David Harvey: Contested Cities: Social Process and Spatial Form. In: Richard T. LeGates, Frederic Stout (Hg.): The City Reader. Routledge. New York 2000. S.229.

4 Ebd.

5 Vgl. ebd. S.228.

6 Vgl. Henri Lefebvre: Plan of the Present Work. In: Malcolm Miles, Tim Hall, Iain Borden (Hg.): The City Cultures Reader. Routledge. London 2004. S.261.

7 Ebd.

8 Harvey: Contested Cities. S.228.

9 Vgl. Dieter Hassenpflug, Nico Giersig, Bernhard Stratmann: Challenges for Urban Hermeneutics in the 21st Century. In: Dieter Hassenpflug, Nico Giersig, Bernhard Stratmann (Hg.): Reading the City: Developing Urban Hermeneutics. Bauhaus-Universität. Weimar 2011. S.25.

10 Lefebvre: Plan of the Present Work. S.261.

11 Hassenpflug, Giersig, Stratmann: Challenges for Urban Hermeneutics. S.26.

12 Vgl. Dieter Hassenpflug: Once again: Can Urban Space be read? In: Dieter Hassenpflug, Nico Giersig, Bernhard Stratmann (Hg.): Reading the City: Developing Urban Hermeneutics. Bauhaus-Universität. Weimar 2011. S.49.

13 Vgl. Hassenpflug, Giersig, Stratmann: Challenges for Urban Hermeneutics. S.27.

14 Hassenpflug: Once again. S.52.

15 Ebd.

16 Vgl. ebd.

17 Ebd.

18 Vgl. Aleida Assmann: Erinnerungsräume: Formen und Wandlungen des kulturellen Gedächtnisses. C.H. Beck. München 1999. S.298f.

19 Tilmann Robbe: Historische Forschung und Geschichtsvermittlung: Erinnerungsorte in der deutschsprachigen Geschichtswissenschaft. V&R unipress. Göttingen 2009. S.70.

20 Kevin Lynch: The Image of the City. In: Louis K. Loewenstein (Hg.): Urban Studies: An Introductory Reader. The Free Press. New York 1977. S.358f.

21 Ebd.

22 Vgl. Ebd. S.353.

23 Vgl. Hassenpflug: Once again. S.52.

24 Ebd.

25 Vgl. Robbe: Historische Forschung und Geschichtsvermittlung. S.71.

26 Ebd.

27 Vgl. Assmann: Erinnerungsräume. S.301, 308f.

28 Vgl. Robbe: Historische Forschung und Geschichtsvermittlung. S.72.

29 Ebd.

30 Vgl. Historischer Verein Essen: Stolpersteine. (2005) URL: http://www.hv-essen.de/

stolpersteine.html [Stand: 07.02.2012].

31 Vgl. Assmann: Erinnerungsräume. S.328f.

32 Vgl. ebd. S.333.

33 Ebd.

34 Vgl. ebd.

35 Lynch: The Image of the City. S.359.

36 Robbe: Historische Forschung und Geschichtsvermittlung. S.160.

37 Vgl. ebd.

38 Ebd. S.161.