Die Stadt als Geschichtsspeicher

 

„All unser Wissen haftet an Orten.“

(Karl Schlögel)


 

Geschichte findet an bestimmten Orten statt, sie ereignet sich im öffentlichen und sozialen Raum. Demnach wird auch der städtische Raum immer wieder zum Schauplatz historischer Ereignisse, die ihre Spuren hinterlassen. Die Stadt wird somit zum Geschichtsspeicher. Wie schreibt sich Geschichte in diesen Raum ein und verankert sich in ihm? Wie wird er immer wieder von Geschichte verändert? In welcher Weise stiftet der städtische Raum Erinnerungskultur?

 

Das Verhältnis von Gedächtnis, Geschichte und Raum rückte in den 1980er Jahren in den Fokus kulturwissenschaftlicher Überlegungen. Dies bedeutete die Abkehr von dem bis dahin leitenden Zeitparadigma, mit dem historisches Geschehen als ein linearer Prozess von Zeit und Wandel gedacht wurde. Gemäß dem Raumparadigma wird Geschichte nun in den räumlichen und somit mehrdimensionalen Kontext gestellt, der das Nebeneinander von historischen Prozessen, Ereignissen und Spuren vergegenwärtigt.

 

In der Architektur des Stadtraums, die in der Geschichte wiederholt umgeformt und überschrieben wurde, haben die historischen Ereignisse ihre Spuren hinterlassen. Aus den sichtbaren Zeichen verschiedener Zeiträume resultieren unterschiedliche Schichten urbaner Bausubstanz. Die Gesamtheit dieser architektonischen Substanz, deren Bestandteile mit Reinhart Koselleck auch als „Zeitschichten“ bezeichnet werden können, bildet eine „geronnene und geschichtete Geschichte“ in einer räumlichen Dimension. Die städtische Architektur macht eine historische Komplexität sichtbar, die entziffert oder bewahrt werden und somit auch Erinnerung stiften kann. Sie lässt sich deshalb nach Bogdan Bogdanovic treffend als „Depot gesammelter Erinnerungen“ charakterisieren.

 

Die historischen Schichten und Spuren einer Stadt können jedoch durch Umgestaltungsmaßnahmen von Akteuren wie Politikern, Architekten oder Stadtplanern abgetragen und ausgelöscht werden. Die von Assmann formulierte „Sorge um Spurensicherung“ ist vor allem bei Orten relevant, die bedeutend für die Geschichte nationaler Identifikation sind oder als Gedenkorte an eine traumatische Geschichte erinnern.

 

Das Spannungsverhältnis zwischen dem Kristallisieren und Konservieren von Geschichte in der städtischen Architektur einerseits und der Auslöschung von historischen Spuren durch Umgestaltung und Wiederaufbau andererseits findet Ausdruck in der Beschreibung der Stadt als Palimpsest: Einer mittelalterlichen Pergament-Handschrift, deren Beschriftung abgekratzt wurde, um einer Neubeschriftung Platz zu machen, wobei der ausgelöschte Text unter der Überschreibung später wieder lesbar gemacht werden konnte.

 

Insbesondere in einer Stadt wie Berlin, die heute zum achten Mal die Hauptstadt eines sich wandelnden politischen Gemeinwesens ist und damit auch immer der Repräsentation des Landes diente, besitzt die Architektur einen Palimpsestcharakter, der von historischen Epochen, Ereignissen und gezielten Veränderungen zeugt.

 

Ein Beispiel für diesen Palimpsestcharakter liefert die Neue Wache in Berlin Mitte. Sie zählt zu den Hauptwerken des Klassizismus und wurde ursprünglich nach den Entwürfen des Architekten Karl Friedrich Schinkel in den Jahren 1816 bis 1818 erbaut. Nach den Absichten des Auftraggebers Friedrich Wilhelm III. diente sie als Wachgebäude für das Kronprinzenpalais. Schinkel entwarf das Gebäude nach dem Vorbild eines römischen Castrums, dessen Innenhof von vier kräftigen Ecktürmen umrahmt wird. Vor der Frontseite dieses römischen Wehrbaus ließ er zusätzlich einen dorischen Säulenportikus errichten.

 

Im Giebelfeld des Portikus befindet sich ein Skulpturenprogramm, das die Siegesgöttin bei der Entscheidung einer Schlacht zeigt. Dadurch wird die Wache zu einem politischen Monument, dessen Architektur einen historischen Bezug zu den Befreiungskriegen schafft. Bis zum Ende der Monarchie im Jahre 1918 diente das Gebäude weiterhin als Haupt- und Königswache.

 

1930 entschied der Reichspräsident Paul von Hindenburg, dass aus dem Wachgebäude ein Ehrenmal für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges werden sollte. Daraufhin erfolgte die erste Umgestaltung nach den Plänen des Architekten Heinrich Tessenow. Aus dem ehemaligen eineinhalbgeschossigen Innenraum mit Binnenhof wurde eine Gedenkhalle mit einem kreisrunden Oberlicht, in der Tessenow einen schwarzen Granitblock mit einem Eichenlaubkranz aus Silber und Gold aufstellen ließ.

 

Nachdem sich nach der Umformung zum Ehrendenkmal bereits zwei Zeitschichten in der Architektur des Gebäudes verankert hatten, wurde es im Zweiten Weltkrieg fast vollständig zerstört. Diese Zerstörung bedeutet die Verankerung einer weiteren Zeitschicht und die Auslöschung historischer Spuren zugleich. In den Jahren 1957 bis 1960 ließ die DDR-Führung das Gebäude unter Heinz Mehlan als „Mahnmal für die Opfer des Faschismus und Militarismus“ rekonstruieren.

 

Solche Rekonstruktionen, die zerstörte Zeitschichten wieder sichtbar machen und Kulturzeugnisse reaktivieren sollen, werden im Hinblick auf die städtische Architektur als Geschichtsspeicher kontrovers diskutiert. Unter Architekten und Denkmalpflegern findet der Wiederaufbau wenig Zustimmung, da sie den Mangel an authentischer Bausubstanz beklagen. Zudem kann die Rekonstruktion aufgrund der Auffassung abgelehnt werden, dass der veränderte oder zerstörte Zustand des Originals selbst eine geschichtliche Quelle darstellt, die es zu bewahren gilt.

 

Zum zwanzigsten Jahrestag der Gründung der DDR 1969 errichtete Lothar Kwasnitza einen prismatischen Glaskörper mit Ewiger Flamme im Zentrum des Innenraumes. Nach der Wiedervereinigung Deutschlands wurde die Gedenkstätte am Volkstrauertag 1993 den „Opfern von Krieg und Gewaltherrschaft“ umgewidmet. Auf Anregung des derzeitigen Bundeskanzlers Helmut Kohl wurde der Glaskörper durch eine stark vergrößerte Kopie der Skulptur „Trauernde Mutter mit totem Sohn“ von Käthe Kollwitz ersetzt.

 

 __________________________________________________________________________

 

Quellen:

Assmann, Aleida: Geschichte findet Stadt. In: Csásky, Moritz, Christoph Leitgeb (Hrsg.): Kommunikation – Gedächtnis – Raum. Kulturwissenschaften nach dem »Spatial Turn«. Bielefeld 2009.

 

http://www.stadtentwicklung.berlin.de/denkmal/denkmale_in_berlin/de/unter_den_linden/neue_wache.shtml, 10.02.2012, 14:58